Guatemala: Von Kriegsverbrechen und Gewalt gegen Kinder, 09.06.2002 (Friedensratschlag)
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Guatemala: Wirklicher Frieden in weiter Ferne

Terre des hommes informiert über Kriegsverbrechen und die Kinderrechtsorganisation Casa Alianza

Den folgenden Text haben wir der Homepage der Kinderrechtsorganisation terre des hommes entnommen (www.tdh.de). terre des hommes setzt sich weltweit für die Rechte von Kindern und Jugendlichen ein und verdient dafür hohe Anerkennung.

Der Junge Luis hatte gerade seinen vierzehnten Geburtstag gefeiert, als er sich das erste Mal einer Jugendbande anschloss. Er fühlte sich wohl in der Gruppe und war bereit, sie gegen andere zu verteidigen. »Als unser Anführer ermordet wurde, haben sich mehrere Banden zusammengeschlossen, um ihn zu rächen. Mehr als 200 Jungen sind in die Siedlung der Mörderbande eingedrungen. Wir haben ihre Fluchtwege versperrt und die Straßen durchsucht. Einige von uns hatten Pistolen, andere Messer, Macheten und Eisenketten. An diesem Tag habe ich Dutzende Jungen sterben sehen.«

Guatemala-Stadt hat unter allen Hauptstädten der Welt die dritthöchste Mordrate. Fast täglich fallen Jugendliche den Kämpfen rivalisierender Gangs zum Opfer. Die Gewalt in dem kleinen, mittelamerikanischen Land nimmt wieder zu. Vor sechs Jahren (29. Dezember 1996) haben Vertreter der guatemaltekischen Regierung und der linksgerichteten Guerilla die Schlussakte einer Reihe von Friedensabkommen unterschrieben. Damit konnten sie zwar die politische Gewalt eindämmen, doch zu einer wirklichen Befriedung des Landes kam es nicht.

Der Friedensprozess sollte neue Entwicklungsmöglicheiten für die arme Bevölkerungsmehrheit schaffen. Präsident Alfonso Portillo beteuert immer wieder, er verstehe die Friedensabkommen als staatliche Verpflichtungen. In der realen Politik jedoch spiegelt sich das nur matt wider. Die Regierungspartei FRG (Republikanische Front Guatemalas) ist mit internen Machtkämpfen beschäftigt. Zwei Flügel stehen sich gegenüber: der des Präsidenten und der des Ex-Diktators Ríos Montt. Dringenden Problemen, wie der ungleichen Landverteilung, dem niedrigen Steueraufkommen oder dem korrupten und ineffizienten Justizwesen, wird nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt.

General Efraín Rios Montt gilt als einer der Hauptverantwortlichen für Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung während der 80er Jahre. Trotzdem ist er heute als Kongresspräsident einer der mächtigsten Männer der guatemaltekischen Politik. So fällt es schwer, auf der Regierungsebene positive Entwicklungen in Sachen Friedensprozess zu erkennen. Solche finden eher in den Gemeinden statt. Zum Beispiel sind zahlreiche Mayas in ein Bürgermeisteramt gewählt worden. In einigen Regionen schließen sich immer mehr Menschen neu gegründeten Kooperativen oder autonomen Bürgerkomitees an, ohne sich wie früher vor Übergriffen durch Soldaten zu fürchten. Auch Jugendliche organisieren sich, vor allem in kriminellen Banden, aber auch in ökologisch engagierten Gruppen oder Jugendclubs. Solche positiven Entwicklungen werden jedoch immer wieder überschattet von Berichten zunehmender Menschenrechtsverletzungen.

Die Kinderrechtsorganisation CASA ALIANZA zum Beispiel beklagt eine Zunahme an Verletzungen der Rechte von Straßenkindern. In zahlreichen Fällen werden Polizisten verantwortlich gemacht, insbesondere wenn es sich um Vergewaltigungen von Straßenmädchen handelt.

Früher blieben solche Vorfälle im Verborgenen. Auch heute wird in den guatemaltekischen Medien über Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen oder über politisch motivierte Verbrechen meist nur dann berichtet, wenn das Opfer aus dem Ausland kommt oder im öffentlichen Leben Guatemalas eine hervorgehobene Rolle spielt. In einigen solchen Fällen kommt es zumindest zu Gerichtsverhandlungen. Die verlaufen jedoch meist ohne Verurteilung im Sande.

A. Boueke, 5/2002

Weitere Infos: Homepage von Casa Alianza in Guatemala (www.casa-alianza.org/DE)


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