Solidarische Ärzte in Griechenland, 30.07.2015 (Friedensratschlag)
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"Sie arbeiten, ohne Geld zu verlangen"

Griechische Ärzte behandeln in solidarischen Praxen kostenfrei Menschen ohne Krankenversicherung und versorgen Flüchtlinge. Gespräch mit Nadja Rakowitz *


Nadja Rakowitz ist Geschäftsstellenleiterin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte.

Als Delegierte des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) waren Sie zwischen dem 7. und 24. Juli in Griechenland und haben sich dort mit der Lage der Flüchtlinge befasst. War das so geplant?

Nein, eigentlich hatte ich unsere politischen Kontakte zur Aktivistin Katherina Notopoulou von der »Solidarischen Praxis« in Thessaloniki pflegen wollen. Ziel war, deren geplante Vortragsreise nach Deutschland im Herbst vorzubereiten. Sie wird die Auswirkungen der europäischen Austeritätspolitik auf das griechische Gesundheitswesen schildern. Doch unsere Freunde kümmerten sich zu der Zeit um Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Ich brachte zusammen mit einem Solidaritätskomitee, aus der Grenzstadt Kilkis, Geflüchteten aus Syrien und anderen Ländern Wasser, Lebensmittel, Babywindeln und Medikamente. Seit Monaten machen sich über die Landstraße von Thessaloniki Tausende auf den Weg zum Grenzübergang Idomeni, um über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Nordeuropa zu gelangen. Im Grenzgebiet müssen sie zum Teil Tage lang ausharren. Ihnen fehlt es am Notwendigsten. In der Woche vor dem Referendum hatte die mazedonische Regierung die Grenze geschlossen, so dass dort extrem viele Menschen nicht weiter kamen.

Wie arbeiten »Solidarische Praxen«?

Es gibt in Griechenland mehr als 40 Praxen, in denen Ärzte und anderes Personal aus dem Gesundheitssektor Menschen ohne Krankenversicherung, Geld oder Papiere versorgen. Sie arbeiten nach Feierabend, ohne Geld zu verlangen, organisieren sich hierarchiefrei. Alle Entscheidungen treffen sie im Kollektiv. Ihr Motiv ist der Widerstand gegen die Austeritätspolitik. Seit etwa drei Jahren, nach Ausbruch der Krise, behandeln sie auch Griechen, die nicht mehr krankenversichert sind oder für Zusatzkosten nicht aufkommen können. Die Syriza-Regierung hat einige der einstigen neoliberalen Maßnahmen wieder zurückgenommen, etwa das Eintrittsgeld ins Krankenhaus in Höhe von fünf Euro.

An der Flüchtlingspolitik ist zu sehen, wie die EU der Syriza-Regierung Steine in den Weg legt, wenn sie etwas verbessern will – etwa am Beispiel des Flüchtlingslagers Amygdaleza in der Nähe von Athen. Was haben Sie darüber erfahren?

Kollegen der »Solidarischen Praxis« in Piräus haben berichtet: Syriza habe das von der EU gebaute geschlossene und umzäunte Lager für rund 5.000 Flüchtlinge auflösen wollen, da dort unsägliche Zustände herrschten. Die EU habe aber zur Auflage gemacht, dass die griechische Regierung dann ihre Baukosten ersetzen müsse. Syriza hatte beschlossen, zumindest die Tore zu öffnen und die Leute frei zu lassen, so dass sie das Lager quasi als Wohnstätte nutzen können. Auch dies habe die EU, bei Androhung finanzieller Folgen, untersagt. Die Zustände dort müssen schlimm gewesen sein: Unversorgte Kranke, eingesperrte minderjährige Flüchtlinge; letztere müssen freigelassen, Patienten behandelt werden. Seit Januar haben nun die Kollegen der solidarischen Praxen Zugang zum Lager und können Beschwerden anbringen, falls Personal sich gesetzeswidrig verhält. Syriza arbeitet daran, die Verhältnisse dort zu verändern.

Am Sonntag haben Sie in Ihrer Rede vor »No Troika«-Aktivisten an der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main gesagt: Das den Griechen aufgezwungene Spardiktat sei nicht nur Ausdruck der Schwäche der griechischen Regierung, sondern auch der europäischen Linken. Wie meinen Sie das?

Hätten hierzulande, aber auch in Paris, Rom, Warschau, Helsinki und anderswo, Hunderttausende aufbegehrt und ihre Regierungen aufgefordert, sich anders zu verhalten, wäre es für die nicht so einfach gewesen, die griechische Bevölkerung derart zu brüskieren. Die linke europäische Bewegung ist noch zu schwach, um Druck auf das EU-Parlament, die EZB und besonders auf die deutsche Regierung auszuüben und ein soziales Europa einzufordern. Aber solidarische Initiativen der Selbstorganisation entwickeln sich weiter, ihre Zahl wächst auch im Gesundheitswesen; ebenso wie Proteste gegen die Syriza-Regierung und die Erpressungsmanöver der EU.

Interview: Gitta Düperthal

* Aus: junge Welt, Mittwoch, 29. Juli 2015

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