Reise nach Südossetien, 20.12.2008 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Endlich Frieden, hoffentlich auf Dauer

Eine Reise nach Südossetien, vier Monate nach dem Krieg

Von Irina Wolkowa, Zchinwali *

Vier Monate sind vergangen, seit der georgische Präsident Michail Saakaschwili das abtrünnige Südossetien mit Gewalt »heimzuholen« versuchte -- und eine schmähliche Niederlage erlitt.

Nur ein röhrender Hirsch fehlt. Sonst hat das Bergmassiv im Zentralen Kaukasus alles zu bieten, was auf Ölschinken da zu sein hat, die früher in Wohnstuben über dem Plüschsofa hingen: tief verschneite Tannen und oberhalb der Baumgrenze Gletscher, die von der Abendsonne in Rosa-Orange getaucht werden. »Super, dieser Anblick, was? Hab ich jeden Tag und krieg sogar noch bezahlt dafür.« Bevor Alexej, ein flachsblonder Grenzschützer aus Zentralrussland, den russischen Ausreisestempel in den Pass drückt, schielt er vorsichtshalber zu Alan, einem Beamten aus der Verwaltung des Präsidenten Südossetiens. Darf jemand, der die Südgrenzen von Mütterchen Russland schützt, im Dienst Scherze machen?

Er darf. »Freu dich, so lange du noch kannst, bald ist Schluss damit«, sagt Alan und grinst. »Sobald wir die Grenze zu Georgien voll ausgebaut haben, macht Russland seine Grenze zu Südossetien auf. Bald sind wir wieder ein Volk.«

Unabhängigkeit - ein Zwischenstadium

»Ein Volk, eine Heimat« - »Für immer mit Russland« - Losungen wie diese stehen überall an Bretterzäunen, verfallenen Mauern und zerstörten Häusern links und rechts der Straße. Gefährlich glatt, führt sie bis zum Roki-Tunnel kurz nach der Grenze steil bergauf, danach ebenso steil bergab. 50 Kilometer sind es noch bis Zchinwali.

Dunkel zeichnet sich die Silhouette der todwund geschossenen südossetischen Hauptstadt gegen den Abendhimmel ab. Einzige Lichtquelle ist der Mond. Breit über das volle Gesicht grinsend, beleuchtet er Häuser mit leeren Fensterhöhlen, Staatsuniversität und Theater, an denen Wiederaufbautrupps arbeiten, und auf den Präsidentensitz. Lampen brennen nur in der renovierten achten Etage, wo Eduard Kokoity residiert.

»Wenn Sie sich vorher die Hände waschen möchten«, rät die Vorzimmerdame des Präsidenten und reibt sich die vor Kälte klammen Finger, »nehmen Sie eine Taschenlampe mit. Die Toilette ist ein Stockwerk tiefer, und da ist es stockdunkel.« Wenigstens zum Leuchten sei ihr Mobiltelefon gut, stellt Inna fest, die Nordkaukasus-Korrespondentin der »Komsomolskaja Prawda«, und geht voran. Telefonieren kann sie mit dem Ding nicht. Bisher hat nur ein russischer Nischen-Anbieter Südossetien entdeckt.

»Unsere Leute haben keine Geld und momentan ganz andere Sorgen«, gesteht Kokoity. In der Tat: In Georgien treten sich westliche Hilfsorganisationen gegenseitig auf die Füße, Südossetien dagegen ist für sie ein weißer Fleck. Grund ist die Anerkennung der Unabhängigkeit durch Russland. Achtzehn Jahre haben die kleine Republik und ihre 75 000 Einwohner dafür gekämpft. Unabhängigkeit, sagt Kokoity, sei jedoch nur ein Zwischenstadium. Ziel sei die Vereinigung mit dem zu Russland gehörenden Nordossetien. Er und Teimuras Mamsurow, der nordossetische Präsident, hätten sich über »schnelle Integration« verständigt.

Für die Korrespondenten nimmt er die Zukunft schon vorweg. Hinter seinem Sessel prangt neben der weißgelbroten Flagge Südossetiens mit dem Schneeleoparden auch die russische Trikolore. Was Michail Saakaschwili billig ist, der sich am liebsten vor der EU-Flagge spreizt, obwohl Georgien sich in absehbarer Zeit keine Hoffnung auf den Beginn von Beitrittsverhandlungen machen darf, kann Kokoity nur Recht sein. »Wir haben den Krieg gewonnen«, sagt er. Den der Waffen. Jetzt will er auch den der Medien gewinnen, in dem bisher -- zumindest an der »Westfront« -- Georgien die Nase vorn hat. Leicht dürfte das nicht werden. Die Welt hat längst andere Sorgen. Krieg im Kaukasus? War da mal was, irgendwann im August?

Patronenhülsen in der Salatschüssel

»Das hab ich allein in unserem Garten zusammengesammelt, als alles vorbei war.« Evelina Golujewa, die den Augustkrieg noch immer jede Nacht in Albträumen erlebt, zeigt eine Salatschüssel, randvoll gefüllt mit Patronenhülsen. Die Mittvierzigerin, Angestellte im Innenministerium, hat ihr Haus zur Pension gemacht: Bett und Frühstück für die seltenen Gäste. »Wir hatten Glück im Unglück«, zeigt sie auf die zerschossenen Fenster, durch die eisiger Wind pfeift. »Alles andere ist heil geblieben. Es war dennoch furchtbar.«

Evelina kämpft mehrfach mit den Tränen, während sie erzählt.. Die georgischen Soldaten hätten wie wild an der Haustür gerüttelt. »Hier ist keiner, lasst uns weiterziehen«, habe einer dann gesagt. »Verstehen Sie, die wollten nicht plündern, sondern töten.« Evelina hat später Frauen mit Messerstichen in den Bäuchen gesehen. Andere berichten von ähnlichen Grausamkeiten und erklären dies mit israelischen Ausbildern, die Saakaschwili für seine Nationalgarde angeheuert habe. Sogar von aggressiv machenden Substanzen, die die Soldaten sich gespritzt haben sollen, ist die Rede.

Warten auf die Pipeline aus dem Norden

»Georgien«, meint auch Miran, Großhändler für Obst und Gemüse, »muss von einem internationalen Gericht für die Kriegsverbrechen in Südossetien zur Verantwortung gezogen werden.« Dreimal bereits - im Unabhängigkeitskrieg 1991, 2004 und im August - haben georgische Granatsplitter seine Wohnung verwüstet: drei Zimmer in einem Plattenbau am Rande des einstigen Jüdischen Viertels. Von dessen reich mit Steinschneide-Arbeiten verzierten Bürgerhäusern aus dem 19. Jahrhundert stehen nur noch Teile der Fassaden.

»Weiß der Teufel, warum sie immer uns zuerst aufs Korn nehmen«, sagt Miran. Er gehört zu den wenigen, die sich eine Burshuika leisten können - ein Kanonenöfchen mit langem, eisernem Rohr für den Rauchabzug, für das sie ein Loch durch die Wand gebohrt haben. Eine Fuhre Brennholz kostet 10 000 Rubel - etwa 285 Euro. Viel Geld selbst für die wenigen, die Arbeit haben.

Kindergärtnerin Malwina, die ganze 3000 Rubel Monatsgehalt bekommt, schmeißt ihre Burshuika daher nur stundenweise an. Ihre Eltern haben im Zweiten Weltkrieg bei jedem Kilometer, den die Rote Armee nach Westen vorrückte, auf der Landkarte die Stecknadeln weiter nach links gesetzt. Die setzt jetzt Malwina Abend für Abend ein paar Millimeter weiter nach unten. Doch bis nach Zchinwali sind es noch mehrere Zentimeter. Langsam, unendlich langsam, quält sich die Gasleitung nach Süden voran. Russische Spezialeinheiten verlegen sie, weil Georgien seiner abtrünnigen Autonomie den Gashahn abgedreht hat. Im nächsten Winter wird sie ans Netz gehen.

16 Milliarden Rubel - fast 500 Millionen Euro - hat Russland für den Bau geplant. Weitere vier Milliarden fließen in den provisorischen Haushalt der Republik Südossetien, zehn Milliarden sind für den Wiederaufbau vorgesehen. Eines der Vorhaben nimmt bereits Gestalt an: eine Reihenhaussiedlung kurz vor Zchinwali. 214 Familien, deren Häuser Totalschaden erlitten, sollen dort Anfang kommenden Jahres einziehen.

Bei gutem Wetter kann man von der Baustelle die acht Dörfer der georgischen Enklave sehen. Eine Mondlandschaft: verkohlte Balken, rußgeschwärzte Mauern, geknickte Strommasten und überreife Äpfel an den Bäumen. Stille herrscht, wo vor dem Krieg rund 28 000 Menschen lebten, Kinder im Schwimmbecken planschten, Teenies abends im Kino kuschelten.

»Keiner wird zurückkommen«, sagt eine junge Mitarbeiterin des Informationsministeriums. »Wir bauen die Häuser auch nicht wieder auf.« Die Bewohner der georgischen Enklave, so die offizielle Begründung, hätten sich von Saakaschwilis Geheimdiensten anwerben lassen und seien den südossetischen Selbstverteidigungskräften in den ersten Kriegsstunden in den Rücken gefallen. »Dafür werden sie jetzt bestraft«, sagt die Propagandistin. Wer nicht an den Kämpfen teilgenommen habe, und das seien immerhin 80 Prozent der in Südossetien lebenden Georgier, habe nichts zu befürchten: »Wir sind nie ein monoethnischer Staat gewesen und wollen das auch jetzt nicht werden.«

In Arkneti haben Frauen das Sagen

»So viel Hass ist auf einmal zwischen uns. Und woher kommt das«, fragt Naira rhetorisch. »Weil in Zchinwali und in Tbilissi Männer den Hut aufhaben. Wenn wir Frauen regieren würden, hätte es diesen verdammten Krieg nicht gegeben.« Die zierliche Mittfünfzigerin ist ethnische Georgierin und in Arkneti geboren, einem Dorf, knapp 20 Fahrminuten von Zchinwali entfernt. 40 Höfe, von denen 15 gemischten und sechs rein georgischen Familien gehören. Solchen wie Naira und Jakob. Bis 1991 lebte das Ehepaar im georgischen Kutaissi, dann wurde Nairas Mutter bettlägerig. Kurz nachdem sie wieder in Arkneti waren, begann der erste Krieg.

Sie sind dennoch geblieben, und sie werden bleiben. Denn in Arkneti haben die Frauen das Sagen und sorgen dafür, dass Georgier und Osseten ihre Toten gemeinsam beweinen und Hochzeiten und Kindtaufen zusammen feiern.

»Wir beten zum gleichen Gott und haben sogar den gleichen Schutzpatron, den Heiligen Georg«, sagt Naira. Eine junge Nachbarin ist zu Besuch gekommen, auch sie Georgierin, aber mit einem Osseten verheiratet. Ihre kleine Tochter patscht mit beiden Händen in die Walnüsse, die die Frauen gerade spalten und ohne die in der georgischen Küche nichts geht. Dann serviert Naira starken süßen Mokka -- momentan eine Kostbarkeit. In kleinen Tassen aus dünnem Porzellan, die nur für Gäste aus dem Schrank geholt werden. »Frieden«, sagt sie »endlich Frieden. Hoffentlich auf Dauer. Alles andere schaffen wir schon.« Irgendwie, irgendwann.

* Aus: Neues Deutschland, 17. Dezember 2008


Zurück zur Georgien-Seite

Zur Russland-Seite

Zurück zur Homepage