Frankreich-Unruhen: "Ursachen werden negiert", 18.12.2005 (Friedensratschlag)
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"Ursachen werden negiert"

Weder Machogewalt noch Islamismus sind verantwortlich für brennende Autos in den Pariser Vorstädten. Ein Gespräch mit Ernestine Ronai*

Interview: Florence Hervé

Frage: Bei den Jugendprotesten und Ausschreitungen in Paris und Umgebung Ende Oktober waren Mädchen und Frauen kaum beteiligt. Haben wir es mit typischer Machogewalt zu tun, die hinzu noch von Islamisten geprägt ist, wie es Alice Schwarzer in der FAZ behauptet hat?

Ernestine Ronai: Auslöser für den Aufruhr war der Schock über den gewaltsamen Tod von zwei Jugendlichen, die Angst vor Schikanen seitens der Polizei hatten. Richtig ist, daß der öffentliche Raum in erster Linie von Männern, und der private Raum von Frauen besetzt ist. Zu behaupten, es sei nur typische männliche Gewalt im Spiel, heißt jedoch, alle sozialen Ursachen des Konflikts zu negieren. Sicherlich gibt es gefährliche Islamisten in den Trabantenstädten, und es gibt Gewalt gegen Frauen. Das Hauptproblem ist aber die soziale Ausgrenzung von Migranten. Auch arme und perspektivlose Männer sind Opfer der diskriminierenden Politik, der Polizei und der Justiz.

F: Als weitere Ursache für die Ausschreitungen wurde in der bürgerlichen Presse die Polygamie angeführt ...

Mit diesem Vorwurf – Polygamie ist in Frankreich verboten – werden Frauen stigmatisiert. Dabei sind sie selbst Opfer der Polygamie. Statt ihnen das vorzuwerfen, wäre es wichtig, ihnen die Mittel zu geben, um getrennte Wohnungen beziehen zu können. Nur so könnten sie sich von der Vormundschaft des Mannes lösen. Die Verhältnisse sind so, daß sich bis zu 20 Menschen oft ein Zimmer teilen müssen.

F: Premierminister Dominique de Villepin will künftig die Eltern im Fall von Schulversagen oder Verhaltensstörungen in Verantwortung nehmen und ihnen bei Fehlverhalten notfalls das Familiengeld streichen. Wie bewerten Sie solche Maßnahmen?

Die Eltern für das Verhalten der Kinder zu bestrafen ist äußerst problematisch. Man kann von ihnen nicht mehr Verantwortung fordern und sie gleichzeitig diskreditieren. Wie sollen Kinder vor ihren Eltern Achtung haben, wenn diese arbeitslos sind, schlecht französisch können und ihnen noch dazu Versagen vorgeworfen wird? Wichtig ist es, den Eltern zu helfen. Es geht darum, Autorität zu schaffen ohne autoritär zu sein und sie bei der Erziehung ihrer Kinder zu begleiten.

Frauen, sehr oft alleinstehende Mütter, werden für die Gewalttätigkeit der Jugendlichen verantwortlich gemacht, weil sie sich angeblich nicht genügend um ihre Kinder kümmern. Die Opfer werden so zu Schuldigen. Dabei wird verschwiegen, daß die meisten Mütter unter furchtbaren Bedingungen versuchen zu überleben. Oft haben sie schlecht bezahlte Teilzeitjobs zu ungünstigen Tageszeiten. Nicht selten kommen Fahrtzeiten bis zu vier Stunden täglich hinzu. Wie sollen sie also für ihre Kinder da sein?

Vollkommen ausgeblendet wird auch, welche Rolle die Frauen in den cités während des Aufruhrs gespielt haben. Sie waren sehr mutig und haben versucht, die Lage zu befrieden. Sie sagten: »Wir entschuldigen die Kinder nicht, aber wir verstehen sie«.

F: Wo sehen Sie die Ursachen für die Zuspitzung?

Die Regierung macht die Ärmsten schuldig für ihre Misere und bestraft sie. Wir werden ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, wo es hieß, die Armen und die Arbeiterklasse seien gefährlich. Heute werden die Einwanderer in gute und schlechte Migranten eingeteilt. »Schlechte« Schülerinnen und Schüler sollen schon mit 14 arbeiten gehen. »Gute« Schüler werden in die Eliteschulen der Reichen gesteckt. Die republikanische Schule, deren Ziel es war, allen eine erfolgreiche Bildung zu sichern, wird hiermit zunichte gemacht.

Die »zones d’éducation prioritaire«, in denen aufgrund sozialer Schwierigkeiten mehr Mittel und mehr Lehrpersonal zur Verfügung gestellt wurden, werden jetzt vom Innenminister Nicolas Sarkozy in Frage gestellt. Es findet eine Amerikanisierung des Bildungssystems zugunsten von Wenigen statt. Das Lehrpersonal ist sehr betroffen, viele Erwachsenen sind deprimiert, fühlen sich aber in die Pflicht genommen.

F: Wie groß ist das Problem der Gewalt gegen Frauen?

Hier gibt es eine positive Entwicklungen im Verhalten von Jungen und Männern. Wir haben in unserem Departement eine gute Arbeit gegen sexistische Verhaltensweisen geleistet. Am 25. November, am Tag gegen Gewalt gegen Frauen, haben wir in Saint-Denis 15 Vorstellungen des »Theaters der Unterdrückten« mit Schauspielern aus Mali, Brasilien und Indien mit 2 500 Menschen organisiert, Frauen aus vier Kontinenten waren vertreten. Zum Internationalen Frauentag am 8. März wollen wir vor allem sexuelle und sexistische Gewalt am Arbeitsplatz thematisieren. Positive Auswirkungen hat das Gesetz, das den Schleier in der Schule verbietet. Der Schleier ist ein Symbol für die angebliche Minderwertigkeit und Unreinheit von Mädchen. Das Verbot des Schleiers beschützt Mädchen vor Zugriffen seitens der Männer und der Religion. Mädchen bekommen so die Chance zu lernen, unabhängig und sie selbst zu sein.

* Ernestine Ronai ist verantwortliche Koordinierungsfrau des Observatoriums »Gewalt gegen Frauen« im Pariser Département Saint-Denis

Aus: junge Welt, 16. Dezember 2005


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