Correa schlägt das "dickste Portemonnaie" Ecuadors
Linkskandidat liegt bei Präsidentschaftswahlen vorn
Die letzten Ergebnisse von der Wahl:
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Der linke Präsidentschaftskandidat Rafael Correa liegt ersten Hochrechnungen zufolge bei den Stichwahlen in Ecuador deutlich vor dem konservativen Kandidaten Alvaro Noboa. Die Hochrechnungen der Nichtregierungsorganisation Bürgerschaftliche Beteiligung auf der Grundlage von landesweiten Wahlzettel-Stichproben zeigten Correa bei 56,9 Prozent der Stimmen. Damit läge er 13,8 Prozent vor dem Milliardär Noboa, der den Berechnungen zufolge 43,1 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. (AFP, 27. Nov. 2006)
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Der linksgerichtete Wirtschaftsexperte Rafael Correa hat die Präsidentenwahl in Ecuador nach Hochrechnungen mit etwa 56 Prozent deutlich gewonnen. Über die Auszählung der Stimmzettel brach jedoch Streit aus, weil der unterlegene konservative Milliardär Alvaro Noboa eine Neuauszählung forderte. Correa hatte sich schon am Wahlabend zum Sieger erklärt. Wegen des deutlichen Vorsprungs wurde er von den Medien schon seit dem Wahlabend als gewählter Präsident bezeichnet. (dpa, 27. Nov. 2006
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Bis Montagabend (27. Nov.) waren 70,3 Prozent der Stimmen bei der Präsidentenstichwahl vom Sonntag ausgezählt. Auf Correa entfielen zu diesem Zeitpunkt nach Angaben des Wahlgerichts 61,8 Prozent der Stimmen. Der rechtsliberale Kandidat Alvaro Noboa kam auf 38,2 Prozent. Während Correas Anhänger das Wahlergebnis auf den Straßen feierten, lehnte Noboa eine Anerkennung seiner Niederlage zunächst noch ab. (dpa, 28. Nov. 2006)
Von Tommy Ramm, Bogota *
Nur wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale am Sonntag erklärten Medien und
Meinungsforscher den Linkskandidaten Rafael Correa zum Sieger der Präsidentschaftswahlen in
Ecuador.
»Wir haben das dickste Portemonnaie des Landes geschlagen«, verkündete Rafael Correa,
nachdem die ersten Hochrechnungen der Wahlen am Sonntag bekannt waren: Correa lag demnach
uneinholbar vor seinem Rivalen, dem Bananen-Milliardär Alvaro Noboa. Nachdem die Wahlbehörde
wenige Tage zuvor angekündigt hatte, dass ein offizielles Ergebnis erst 48 Stunden nach der Wahl
zu erwarten sei, waren Nachwahlumfragen und Schnellauszählungen organisiert worden, die einen
bequemen Vorsprung für Correa ergaben.
»Nur ein massiver Wahlbetrug kann diesen Unterschied tilgen«, erklärte Correa freudestrahlend vor
seinen Anhängern in der Hauptstadt Quito. Am 15. Januar 2007 werde nicht er die Präsidentschaft
übernehmen, sondern das ecuadorianische Volk. »Die langen und traurigen 20 Jahre neoliberaler
Nacht, die uns so viel Schaden beschert haben, sind zu Ende«, versprach der 43-jährige
Wirtschaftsexperte.
An erster Stelle seiner Aufgaben stehe eine Neuverhandlung der Staatsschulden. »Das Leben hat
Vorrang vor den Schulden«, sagte Correa. Ecuador steht bei internationalen Gläubigern seit Jahren
mit fast 14 Milliarden US-Dollar in der Kreide. Zusammen mit einer Hyperinflation und einer tiefen
Wirtschaftskrise führte dies Anfang 2000 zur Einführung des US-Dollars als offizielle Staatswährung.
Zwar gilt Correa als scharfer Kritiker dieses Vorgehens, doch die Dollarisierung will er nicht
aufheben, denn man könne »einen Fehler nicht durch einen anderen wettmachen«.
Durch Wirtschaftsreformen will Correa den Staat besonders im lukrativen Erdölsektor stärker
verankern, dessen Gewinne zur Bekämpfung der Armut eingesetzt werden sollen. Um die
traditionellen Parteien zu entmachten, die das Land in den Ruin getrieben hätten, beabsichtigt der
künftige Präsident, per Volksentscheid eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen. Laut
Verfassung können allerdings weder der Präsident noch ein Volksentscheid eine solche
Versammlung erzwingen. Eine erste Machtprobe zwischen Correa und dem im Oktober gewählten
Kongress ist also programmiert: Die rechtskonservative Partei der Institutionellen Erneuerung
(PRIAN) von Correas Kontrahenten Alvaro Noboa stellt mit rund einem Viertel aller Sitze die stärkste
Fraktion im Parlament.
Ecuadors reichster Mann Alvaro Noboa, der trotz Millionenaufwendungen und einer
Schmutzkampgane gegen Correa zum dritten Mal in Folge bei Präsidentschaftswahlen gescheitert
ist, wollte seine Niederlage zunächst nicht anerkennen und sprach von Anzeichen für einen
Wahlbetrug. In den letzten Tagen sei schließlich nichts Entscheidendes passiert, was Correas
steilen Aufstieg in der Wählergunst erklären könnte. Noboa forderte die Wahlbehörde auf, Stimme
für Stimme neu auszuzählen.
Beobachter vermuten indes, viele Wähler hätte die Idee verschreckt, dass der wirtschaftlich
einflussreichste Mann des Landes auch die politische Gewalt übernehmen und damit immense
Macht anhäufen könnte.
Erwartet wird nun, dass sich Ecuador unter Correa in den lateinamerikanischen Linksblock um
Venezuela und Bolivien einreiht. Correa hat mehrfach seine Freundschaft zum venezolanischen
Präsidenten Hugo Chavez betont und sich von den USA abgegrenzt. Verhandlungen über ein
Freihandelsabkommen mit den USA erklärte Correa am Sonntag für beendet. Überdies will er den
Nutzungsvertrag für die USA-Militärbasis in Manta, der 2009 ausläuft, nicht verlängern. Allerdings
mussten in den letzten zehn Jahren drei von sieben ecuadorianischen Präsidenten vorzeitig ihr Amt
aufgeben.
* Aus: Neues Deutschland, 28.11.2006
Zur Person
Linker Missionar
Der am 6. April 1963 in einer Mittelschichtfamilie geborene Rafael Correa wuchs in der Küstenstadt
Guayaquil auf, wo er ein Wirtschaftsstudium absolvierte. Es folgten weitere Studien in Belgien und
den USA, die ihn zu einem anerkannten Wirtschaftsexperten reifen ließen. Doch statt in die
Privatwirtschaft zu gehen, arbeitete Correa als freiwilliger Lehrer und Missionar in einer indigenen
Gemeinde. Neben Spanisch, Englisch und Französisch beherrscht er deshalb auch die Quechua-
Sprache der Ureinwohner Ecuadors, die 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Der katholischen
Soziallehre verpflichtet, versichert der 43-Jährige, links zu sein, »aber nicht eine marxistische,
sondern eine christliche Linke« zu vertreten.
Zuvor als Universitätsprofessor tätig, wurde Correa nach dem Sturz von Präsident Lucio Gutierrez
im April 2005 überraschend als Wirtschaftsminister ins Kabinett des Gutierrez-Nachfolgers Alfredo
Palacio berufen. Umgehend kritisierte er die Bedingungen des Schuldendienstes gegenüber den
Gläubigern und die internationale Kreditpolitik, die zur Vergrößerung der Armut im Lande führten.
Correa knüpfte wirtschaftliche und politische Beziehungen zur venezolanischen Regierung unter
Hugo Chavez an. Als internationale Finanzinstitutionen Befürchtungen vor wirtschaftlicher Instabilität
säten, wurde er nach nur 106 Tagen als Minister entlassen.
Statt sich in die Universität zurückzuziehen, gründete Correa mit Bürgerbewegungen, die 2005
maßgeblich am Sturz von Gutierrez beteiligt waren, die politische Plattform Landesallianz, die ihn als
Präsidentschaftskandidaten aufstellte. Die Allianz hat jedoch keine Abgeordneten im neu gewählten
Kongress, was Correa das Regieren erschweren wird. Aber auf das Parlament setzt er ohnehin
nicht: Eine verfassunggebende Versammlung soll den Kongress auflösen und die korrupten
Abgeordneten entmachten. »Ein Tsunami wird die Parteien-Oligarchie wegschwemmen«, versprach
Correa vor den Wahlen. Für politischen Zündstoff ist also gesorgt. T.R.
* Aus: Neues Deutschland, 28.11.2006
"Schulterschluß mit Venezuela"
(...) Mit Correas überraschend gutem Abschneiden werden die progressiven Kräfte des Kontinents weiter gestärkt. Der Kandidat, der sich selbst als »katholischer Linker« bezeichnet, erklärte auf einer Pressekonferenz in der Wahlnacht, 2007 würde »das ecuadorianische Volk die Macht übernehmen«. Er will durch ein Referendum am 15. Januar einen Nationalkonvent einsetzen lassen, der dem Land eine »zeitgemäße Verfassung« geben soll. Correa versprach einen radikalen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik. Der 43jährige Politiker forderte ausnahmslos alle Ecuadorianer auf, sich dem Wandel anzuschließen. »Die Hoffnung hat gesiegt«, erklärte er, nach einer »zwanzig Jahre dauernden, langen und tristen Nacht des Neoliberalismus, die uns großen Schaden zugefügt hat«. Er werde keine weitere Annäherung an Washington zulassen und auch kein Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnen: Ein solches würde die Landwirtschaft Ecuadors zerstören.
Vielmehr kündigte Correa den Schulterschluß mit Venezuela und anderen linksregierten lateinamerikanischen Staaten an: »Sollten wir uns etwa nicht Ländern wie Venezuela annähern, die uns soviel unterstützen können, nur weil Chávez der Oligarchie nicht geheuer ist?« Was ihn und Hugo Chávez vereine, sei der »bolivarische Geist«, das Streben nach der »lateinamerikanischen Einheit«.
Verhandeln will Correa auf jeden Fall auch über die exorbitanten Auslandsschulden des Landes: »Das Leben ist wichtiger als die Schulden.« Er werde die Außenstände genau untersuchen und die, die ihm »illegitim« erscheinen, nicht bezahlen. Auch ein einseitiges Moratorium schloß er nicht aus. Schon als die letzten Umfrageergebnisse vor den Wahlen Correa vorne sahen, fielen an der Börse die Kurse für die Schuldentitel Ecuadors. Correa wird nun seine Kritiker davon überzeugen müssen, daß er nicht der Garant für »Instabilität« ist, den sie in ihm sehen. Unvergessen ist, daß das Andenland in den vergangenen zehn Jahren acht Präsidenten hatte. Drei von ihnen wurden durch Volksaufstände aus dem Amt gejagt, zuletzt der einstige Hoffnungsträger der Linken, Lucio Gutiérrez.
Auszug aus "Abkehr von den USA", von Timo Berger, in: junge Welt, 28. November 2006
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