Deutsche Rohstoffpolitik, 22.12.2010 (Friedensratschlag)
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Zugang zu Ressourcen

Nachfrage der deutschen Industrie nach Rohstoffen im In- und Ausland wächst. Verfügbarkeit soll notfalls auch militärisch gesichert werden

Von Wolfgang Pomrehn *

Es tut sich Ungewöhnliches im Lande. Während an Ruhr und Saar in wenigen Jahren die letzten Kohlebergwerke schließen werden, soll bei Spremberg in der brandenburgischen Lausitz ein Kupferbergwerk mit 900 Arbeitsplätzen entstehen. Im Nachbarland Sachsen will Ministerpräsident Stanislaw Tillich gar neues »Berggeschrey«, vernommen haben. Flußspat werde bereits wieder abgebaut, im Erzgebirge nach seltenen Erden gesucht. Und auch Silber soll wieder aus der Erde geholt werden, meinte der Landeschef Ende letzter Woche in Berlin.

Was der sorbische Christdemokrat in seiner Aufzählung vergaß, ist die Erkundung des Erzgebirges auf Lithiumaufkommen. Lithium ist ein Leichtmetall, auf dem heutzutage die meisten Akkus basieren. Ob im Handy, im Laptop oder in Elektroautos: Überall ist es anzutreffen, und die Nachfrage nach diesem Grundstoff des Informationszeitalters, steigt rasch. Wird womöglich noch auf Elektromobilität gesetzt, ist der Bedarf nicht mehr zu decken. Letzteres war offenbar für Frank Asbeck das Stichwort. Der Chef von Solarworld ist dem einen oder anderen vielleicht noch durch seinen Überraschungscoup bekannt, den er auf dem Höhepunkt der Krise mit dem Angebot zur Übernahme von Opel landete.

Nun also Bergbau. Anfang des Jahres hatte sich die Technische Universität Bergakademie Freiberg eine große Ladung Gesteinsproben aus einem stillgelegten Bergwerk in Zinnwald-Georgenfeld kommen lassen. Beide Orte liegen im Erzgebirge, Freiberg am Rand, Zinnwald auf dem Kamm, direkt an der Grenze zur Tschechischen Republik. Die Region hat eine über 800jährige Bergbautradition. Die Universität ist mit etwa 250 Jahren die weltweit älteste noch existierende ihrer Art und hat entsprechendes Renommee.

Die Wissenschaftler wurden in den acht Tonnen Material schnell fündig. Wie vermutet, weist das Gestein einen hohen Lithiumgehalt auf. Nun kommt der zweite Schritt. Solarworld, eigentlich ein Hersteller von Solarmodulen, will gemeinsam mit der Bergakademie die Ergiebigkeit der alten Grube erkunden, in der bis 1945 vor allem Zinn abgebaut wurde, die aber seinerzeit zugleich Europas größter Lithiumlieferant war. Die Anträge bei den Bergbehörden wurden im November gestellt.

Derweil beschäftigt sich die Bergakademie keinesfalls nur mit der geologischen Seite, sondern sucht ebenfalls nach neuen Technologien, die die Lithium-Akkus verbessern sollen. Auch Weiterverarbeitung gibt es bereits in der Region. In Kamenz bei Dresden stellt eine Evonik-Tochter schon heute Lithium-Ionen-Akkus her, doch der Rohstoff wird importiert. Meist stammt er aus Salzseen. In winzigen Dosen waschen die Bäche und Flüsse der umliegenden Berge das Metall aus dem Gestein und tragen es in die Seen, wo es sich im Laufe der Jahrmillionen konzentriert, wenn diese keinen Abfluß haben.

Die weltweit größte Lagerstätte dieser Art und eine bisher unerschlossene Goldgrube stellt der 10000 Quadratkilometer große Salzsee Salar de Uyuni in Bolivien dar. Er liegt im Südwesten des Landes in den Hochanden an der Grenze zu Chile. Gemeinsam mit der Universität von Potosi – Boliviens legendärer Silberstadt – arbeiten die Freiberger Wissenschaftler daran, Methoden zur Lithiumgewinnung im industriellen Maßstab zu entwickeln und die Ausbildung von Fachkräften an Ort und Stelle aufzubauen.

Aber Lithium ist nur einer von vielen Rohstoffen, um die sich in letzter Zeit der Bundesverband der Deutschen Industrie Sorgen machte. Auf seine Anforderung hin und in enger Zusammenarbeit mit seinen Vertretern hat schon die alte Bundesregierung 2007 eine Rohstoffstrategie skizziert. Darin wird – zunächst handelspolitisch – ein Recht auf freien Zugang zu den Rohstoffen vorausgesetzt. Handelsbeschränkungen egal welcher Art gelten als vollkommen unakzeptabel und »müssen energisch bekämpft werden«.

Auf der anderen Seite wird, wie das Freiberger Beispiel zeigt, verstärkt an der Erschließung von Lagerstätten gearbeitet. An der dortigen Bergakademie wird zudem vom Bund und dem Land Sachsen ab dem nächsten Jahr ein neues Institut aufgebaut, daß sich unter anderem dem Rohstoffrecycling, dem verbesserten Materialeinsatz und der Substitution knapper Stoffe widmen soll. Die Vorbereitung der Gründung wurde am Freitag vergangener Woche von Stanislaw Tillich und Bundesforschungsministerin Annette Schavan gemeinsam in Berlin angekündigt.

In der Bundesrepublik ist diese große Aufmerksamkeit für die Rohstoffversorgung eine ziemlich neue Entwicklung. Die Verfügbarkeit von Ressourcen war in den westlichen Industrieländern in den letzten Jahrzehnten – mit der wichtigen Ausnahme der fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas – so selbstverständlich gewesen, daß sie kaum je Gegenstand der politischen Debatte wurde. In Westdeutschland und auch in der Berliner Republik gab es daher bis vor kurzem nicht einmal Ansätze eines längerfristigen Engagements der Regierungen auf diesem Gebiet. Die Preise verfielen seit den 1970er Jahren sehr zum Leidwesen der Förderstaaten und zur Freude der hiesigen verarbeitenden Industrien.

Das ging so weit, daß es lange Zeit so aussah, als würde in den Industriestaaten selbst die Stahlindustrie – einst Herzstück des Kapitalismus und in Deutschland bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts besonders aggressiver Teil der herrschenden Eliten – wegsterben. Doch davon kann heute keine Rede mehr sein. ThyssenKrupp, der letzte verbliebene deutsche Stahlkonzern, fährt prächtige Gewinne ein und hat wie eh und je ein festes Standbein in der Rüstungsindustrie. Auch das lohnt sich, denn inzwischen ist es ja wieder normal, daß deutsche Minister offen darüber reden, den Zugang zu den Rohstoffen anderer Länder im Zweifelsfall auch mittels Krieg sichern zu wollen.

* Aus: junge Welt, 20. Dezember 2010

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