Jüdisches Leben im Berliner Scheunenviertel, 12.11.2010 (Friedensratschlag)
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Pralles jüdisches Leben

Die Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel

Von Roman Fröhlich *

Ein Ghetto mit offenen Toren« – dieses Zitat von Naftali Nebenzahl steht am Anfang der von Horst Helas verfassten Monographie über die einstige Grenadierstraße, seit 1951 Almstadtstraße. Schon seit Jahren befasst sich der Berliner Historiker mit der Geschichte der Spandauer Vorstadt und dem sogenannten Scheunenviertel, gelegen in der Mitte Berlins. In seinem Buch gelingt ihm Dreierlei: den Wandel einer Berliner Straße auf Mikroebene zu skizzieren und darzustellen, wie sich vor allem das Leben der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner der Straße bis zur Shoa veränderte, sowie Neugier für eine Straße zu wecken, die erst in den letzten Jahren ihren »Dornröschenschlaf« beendet hat. Zaghaft halten erste Ladengeschäfte und Cafés Einzug. Angesiedelt haben sich hier eine Buchhandlung, die mit ihrem Angebot internationales Publikum anzieht, und ein Kochschulen-Café, in deren Untergeschoss Jungdesigner ihre neusten Kreationen anbieten.

Nachdem kurz auf die Entstehungsgeschichte des Scheunenviertels und dessen Sozialstruktur zu Beginn des 18. Jahrhunderts eingegangen wird, rückt der »Problemkiez«, wie man heute sagen würde, ins Zentrum. Ressentiments gegen die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner gab es lange vor den Nazis. Der Autor stützt sich auf verschiedene literarische Quellen, darunter bekannte wie Carl Zuckmayers »Der Hauptmann von Köpenick« und weniger bekannte wie »Aus engen Gassen«, 1915 von Salomon Dembitzer verfasst. So entsteht ein facettenreiches Bild des Treibens und prallen, bunten jüdischen Lebens in dieser Straße über die Jahrzehnte, jenseits romantisierender Betrachtungen, die oft Erzählungen über das Scheunenviertel bestimmen.

Die Grenadierstraße war früh im Visier der antisemitischen Hetze der NSDAP. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nazis brach eine Diskriminierungswelle bisher unbekannten Ausmaßes über die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner der Straße herein, die zu deren Vertreibung führte und in der Ermordung vieler endete. Ein kurzer Abriss der Geschichte der späteren Almstadtstraße rundet den ersten Teil des Buches ab.

Als Mitarbeiter an mehreren Ausstellungen und Autor einer Reihe von Büchern zum Scheunenviertel steht Helas mit manch ehemaligen Anwohnerinnen und Anwohnern der Straße in regem Kontakt. Freundschaften sind erwachsen, wie dem zweiten Teil des Buches zu entnehmen ist. Anhand von fünf Biografien gelingt es Helas eindrucksvoll, die Zeit vor der Shoa wiederzubeleben. Die Straße ist schwarz von Menschen bei der Beerdigung des Rabbi Grynberg 1938, über die Dr. Sol Landau berichtet. Isaak Bergbaum erinnert an die Jagd nach Bananen beim Entladen der Obstkisten für den Großmarkt. Und von Israel Löwenstein erfahren wir, dass er noch heute gern die Almstadtstraße aufsucht, wo sich Stolpersteine für seine ermordeten Angehörigen befinden; Löwenstein selbst überlebte Auschwitz-Monowitz.

Für mich als geschichtsinteressierten Bewohner der Almstadtstraße bot der Band einiges an bisher Unbekanntem. Das Dilemma mit abweichenden Hausnummern seit der Umbenennung der Straße ist dank der Recherchen von Helas behoben; er führt die alte und neue Nummerierung an. Dadurch wird die Entdeckungsreise in die Vergangenheit erleichtert.

Horst Helas: Ein Ghetto mit offenen Toren. Die Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2010. 128 S., br., 12,90 €.

* Aus: Neues Deutschland, 11. November 2010


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