Muslime in Deutschland, 24.12.2010 (Friedensratschlag)
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Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Muslime in Deutschland

Von Heinz Odermann *

Ein Gesprächspartner in Suleimani, Kurdistan/Irak, sagte mir, Islam bedeute Frieden. Wir sprachen über die jüngsten Anschläge radikalislamischer Fundamentalisten. Fadil Ahmad, für weltanschauliche Fragen in der Patriotischen Union Kurdistans zuständig, sieht den islamistischen Terror als eine Gefahr für den Islam an, weil der Terror Vorbehalte und Misstrauen gegen die Religion fördere. Diese Aussage findet sich auch im Buch von Khadija Katja Wöhler-Khalfallah.

Die Islamwissenschaftlerin vermittelt ein Bild der geistigen Heimat einzelner islamischer Gruppen in Deutschland. Ihre Erkenntnisse lassen Rückschlüsse auf die politischen Motive auch der diversen Vertreter auf den nun schon traditionellen Islamkonferenzen zu, deren überzogene Forderungen in der Vergangenheit nach Auffassung der Autorin keineswegs der Integration dienten. Ein Forderungskatalog aus dem Jahre 2008 an die deutsche Bundesregierung verlangte die Rücknahme der beschlossenen und eingeführten Sprachprüfungen in Deutsch für türkische Zuwanderer bei Familienzusammenführungen, die Aufhebung des Entscheidungszwanges der in Deutschland geborenen Einwanderer im Alter von 18 bis 23 Jahre für die deutsche oder die türkische Staatsbürgerschaft, die doppelte Staatsbürgerschaft für alle Muslime sowie das aktive und passive Wahlrecht für Zuwanderer ohne deutsche Staatsangehörigkeit für kommunale Ämter.

Islamunterricht für muslimische Kinder in deutscher Sprache ist grundsätzlich gut. In der Praxis steht die Idee, so die Autorin, leider muslimischen Vertretern gegenüber, die in säkularen Räumen Zugriff auf die Kinder nichtfundamentalistischer und liberaler Muslime gewinnen möchten, um mit dem Segen des deutschen Staates die Auslegung des Islams im Unterricht zu besitzen. Die Autorin lehnt die Forderung nach lautsprecherverstärkten Gebetsrufen des Muezzins von den Minaretten ab und wertet dies als ein politisch motiviertes Zeichen für einen fundamentalistischen Geltungsanspruch inmitten eines christlichen Umfeldes. Der Wunsch, in Deutschland islamische Bekleidungsvorschriften wie z. B. das Kopftuch in Schu-len und Behörden anzuerkennen, sei unbegründet, schreibt KhadijaKatja Wöhler-Khalfallah. Solche Forderungen dienten nicht der Integration, sondern einer ethnischen und religiösen Gegengesellschaft.

Aus den von der Autorin gebotenen Textquellen werden zwei fundamentalistische Gruppen erkennbar: eine gemäßigte, wie sie sich im konservativen Spektrum der offiziellen Islamvertreter in Deutschland abzeichnet, und eine terroristische. Zu letzterer ist die extreme Gruppe der »Islamischen Dschihad-Union« aus Oberschledorn im Sauerland (BRD) zu rechnen, deren Mitglieder vom Düsseldorfer Oberlandesgericht zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Bundesanwalt Volker Brinkmann warnte in seinem Plädoyer vor »dem Krebsgeschwür des islamischen Terrorismus«. Auch er betonte, wie Fadil Ahmad und die Autorin des hier angezeigten Buches, dass die Terroristen dem Islam schwer schaden, indem sie »den Vorbehalten gegen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt« neue Nahrung geben.

In Deutschland gibt es inzwischen ein weitverzeigtes Netzwerk islamischer Verbände, die nicht pauschal zu beurteilen sind. Während einige die demokratischen Errungenschaften in Deutschland zu relativieren versuchen, tragen andere dazu bei, den nicht einfachen Prozess der Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu unterstützen. Der im April 2007 gebildete Koordinierungsrat der Muslime (KRM) wiederum soll muslimischen Forderungen stärker zur Durchsetzung verhelfen.

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah hebt die traditionellen ethischen Normen der islamischen Religion nach Menschlichkeit, sozialem Ausgleich und gegenseitiger Hilfe hervor und stellt diese dem politischen fundamentalistischen Islam gegenüber: »Gerechtigkeit, moralisch korrektes Verhalten der Gemeinschaftsmitglieder und von ethischen Werten geleitete politische und wirtschaftliche Prozesse ... das sind die am häufigsten vorgebrachten Sehnsüchte von Muslimen angesichts ihrer korrupten Regime oder der Wirren und Egoismen der scheinbar ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichteten modernen Zeit.«

Khadija Katja Wöhler-Khalfallah: Islamischer Fundamentalismus Von der Urgemeinde bis zur Deutschen Islamkonferenz. Verlag Hans Schiler, Berlin. 310 S., geb., 32 €.

* Aus: Neues Deutschland, 23. Dezember 2010


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