Grönland nähert sich der Autonomie, 22.06.2009 (Friedensratschlag)
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Grönland nähert sich der Autonomie

Ausweitung der Unabhängigkeit mit politischem Wechsel und Volksfest gefeiert

Von Andreas Knudsen, Kopenhagen *

Am Sonntag (21. Juni) feierte die größte Insel der Erde ihren Nationalfeiertag mit einer historischen Ausweitung ihrer Unabhängigkeit von Dänemark. Selbst in den kleinsten und abgelegensten Siedlungen Grönlands wurden die rotweißen Fahnen der mehrheitlich indigenen Bevölkerung gehisst.

Am 21. Juni 1979 wurde in Grönland die Selbstverwaltung eingeführt, die das dänische Parlament den Bewohnern der größten Insel der Welt gewährte und ihnen im Prinzip auch wieder wegnehmen konnte. Doch 30 Jahre später hat sich die politische Wirklichkeit geändert. Im Vorjahr sagten die Grönländer mit überwältigender Mehrheit Ja zur Einführung echter Autonomie. Nach den parlamentarischen Bestätigungen in den Parlamenten Dänemarks und Grönlands sind die Grönländer seit gestern als eigenes Volk staatsrechtlich anerkannt, ihre Sprache wird die offizielle des Landes und sie erhalten die Selbstständigkeit, wann immer sie es wünschen. Dieser neue Status wurde mit Volksfesten im ganzen Land gefeiert.

In der Hauptstadt Nuuk waren neben dem dänischen Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen auch Königin Margrethe II. und das Kronprinzenpaar anwesend.

Das Königshaus genießt großes Ansehen in Grönland, das nicht geringer wurde, als Kronprinz Frederik vor einigen Jahren als Angehöriger der militärischen Siriuspatrouille mehrere Monate lang mit einem Hundeschlitten die unbewohnte Nordostküste befuhr. Die Siriusleute üben dort symbolisch die Souveränität für Dänemark aus.

Mancher träumt davon, die Selbstständigkeit 2021 auszurufen, wenn der 300. Jahrestag der Ankunft der ersten dänischen Kolonialisten gefeiert wird. Doch der Sozialist Kuupik Kleist, frischgebackener Ministerpräsident nach dem Wahlsieg seiner Partei vor zwei Wochen, sieht das ruhig. »Ich würde gerne ein selbstständiges Grönland sehen, aber lass' uns sehen, ob es ein Wunsch des Volkes sein wird und ob wir uns zu diesem Zeitpunkt selbst versorgen können.« Bisher würde der Staatshaushalt ohne jährliche dänische Zuschüsse von 430 Millionen Euro um die Hälfte kleiner ausfallen.

Die meisten grönländischen Unternehmen, allen voran das größte, der Krabben- und Fischkonzern Royal Greenland, sind im staatlichen Besitz und präsentieren seit Jahren rote Zahlen. Neben schwindenden Fängen sind die Verluste auch der politischen Einmischung der bisherigen Politikergeneration zuzuschreiben. Die sozialdemokratischen Siumut-Politiker waren es 30 Jahre lang gewohnt, souverän alle Entscheidungen zu treffen und die Stühle in den Vorständen einzunehmen, ohne notwendigerweise fachliches Wissen zu haben. Obwohl die Siumut mit der Erkämpfung und dem Aufbau der Selbstverwaltung bleibende Verdienste errangen, hatten die Wähler genug von ihren politischen Eskapaden und dem Missbrauch öffentlicher Mittel. Deshalb standen die Kämpen der letzten Jahre bei den offiziellen Veranstaltungen in der zweiten und nicht wie sonst in der ersten Reihe.

Wenn der Alltag wieder eingekehrt ist, müssen Regierung und Bevölkerung daran arbeiten, viele Versäumnisse der Vergangenheit einzuholen. Die Globalisierung macht auch um Grönland keinen Bogen und viele multinationale Konzerne sind an seinen Rohstoffen interessiert. Mit der Autonomie erhielten die Grönländer auch wieder das Recht zurück, die Bodenschätze selbst auszubeuten. Erze, Diamanten und vielleicht Öl und Gas gibt es, doch wie diese nachhaltig und zum Vorteil Grönlands ausgebeutet werden können, ist noch offen. Es mangelt an Grönländern mit Fremdsprachenkenntnissen und insgesamt an einheimischen Fachkräften. Gesundheits- und Bildungswesen sind mangelhaft und die Selbstmordrate bei jungen Leuten extrem hoch. Doch wenn sich der Optimismus und die Tatkraft, die die Grönländer bei der Vorbereitung ihres großen Tages an den Tag legten, im Alltag nach dem Fest anhält, können sie das erste ursprüngliche Volk werden, das seine Unabhängigkeit wiedererlangt.

* Aus: Neues Deutschland, 22. Juni 2009


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