Rohstoffe aus Lateinamerika für China, 27.05.2015 (Friedensratschlag)
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Rohstoffe für China

Ungleichgewichtige Handelsbeziehungen zwischen Lateinamerika und dem Land der Mitte bergen Gefahr der Abhängigkeit, da heimische Industrie brachliegt

Von Wolfgang Pomrehn *

Chinas Premier Li Keqiang schließt am heutigen Dienstag in Chile eine neuntägige Tour durch Südamerika ab, die ihn zuvor schon nach Brasilien, Kolumbien und Peru geführt hatte. Auf dem Programm standen vor allem diverse Gespräche über die sich rasch entwickelnden Wirtschaftsbeziehungen zwischen den lateinamerikanischen Nationen und dem Land der Mitte. In Chile geht es unter anderem um ein geplantes Freihandelsabkommen zwischen den beiden Staaten. Gegenüber der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua hatte Chiles Botschafter in Peking, Jorge Heine, geäußert, sein Land sei besonders an einer Verständigung in Sachen Internethandel interessiert. In China würden die Menschen alles über Internet kaufen. Dies sei für Chile besonders interessant. Das ist dann doch ein wenig übertrieben, aber die Zahlen sind zweifelsohne beeindruckend.

In China haben inzwischen 600 Millionen Menschen Zugang zum Netz der Netze, und in den nächsten Jahren werden es noch deutlich mehr werden. Erst am Dienstag vergangener Woche hatte die Regierung in Peking ein Investitionsprogramm bekanntgegeben, mit dem der Ausbau in ländlichen Regionen vorangetrieben und die Netzgeschwindigkeit erhöht werden soll. Allein 2015 sollen noch 430 Milliarden chinesische Yuan und in den nächsten beiden Jahren mindestens weitere 700 Milliarden Yuan ausgegeben werden. Nach aktuellem Kurs sind das zusammen gut 164 Milliarden Euro. Das chinesische Internethandelshaus Alibaba gab Anfang Mai bekannt, dass es 350 Millionen aktive Kunden habe, 37 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Davon würden die meisten ihre Käufe über Apps auf Mobiltelefonen tätigen. Das Unternehmen hatte seinen Jahresgewinn im Geschäftsjahr 2014 um 45 Prozent steigern können. Im September 2014 hat es bei einem Börsengang in New York 21,8 Milliarden US-Dollar (rund 20 Milliarden Euro) eingenommen – eine der bisher weltweit größten Plazierungen.

Mit anderen Worten: Chinas Wirtschaft boomt weiter, aber das Gewicht verlagert sich auf die Binnennachfrage. Die Kaufkraft der chinesischen Bürger – vor allem der städtischen Mittel- und Oberschicht – wächst rasant, was für potentielle Exporteure auch in Lateinamerika eine gute Nachricht ist. Für viele Länder in der Region ist China inzwischen wichtigster, wie für Brasilien, oder zweitwichtigster, wie für Kolumbien, Handelspartner. Die Beziehungen entwickeln sich stürmisch weiter. So haben beispielsweise die Geschäfte zwischen China und Kolumbien im vergangenen Jahr um rund 50 Prozent zugenommen.

Allerdings hat der Warenaustausch Schlagseite. China importiert bisher aus den meisten südamerikanischen Ländern vor allem Rohstoffe und Agrarprodukte und liefert Fertigwaren. Damit gleichen seine Handelsbeziehungen auf den ersten Blick dem neokolonialen Verhältnis der Nordamerikaner und Westeuropäer zu den einstigen spanischen und portugiesischen Eroberungen. Für die betroffenen Staaten bergen solche Ungleichgewichte auf Dauer das Problem, dass der agrarische Großgrundbesitz und damit extrem reaktionäre und besonders in Brasilien oft mörderische Kräfte gestärkt werden. Die heimische Industrie hat es gleichzeitig schwer, sich gegen die billigen Importe der besser entwickelten ausländischen Konkurrenz zu behaupten.

Auch das inzwischen zur Regionalmacht aufgestiegene Brasilien liefert an China überwiegend Eisenerz, Öl und Soja, aber immerhin auch einige hochwertige Produkte. So unterzeichnete Li bei seinem Besuch vergangene Woche in Brasilia einen Vertrag über die Lieferung von 22 Maschinen des brasilianischen Flugzeugherstellers Embraer. Der Rohstoffmulti Vale vereinbarte mit dem chinesischen Gast den Verkauf von vier Frachtschiffen, mit denen China künftig Eisenerz aus Brasilien holen wird. Der Handel zwischen den beiden Ländern hat sich zwischen 2003 und 2012 auf 83,3 Milliarden US-Dollar (knapp 76 Milliarden Euro) verdreizehnfacht. Allerdings bestanden 2012 rund 80 Prozent der brasilianischen Ausfuhren in die Volksrepublik aus Rohstoffen und Erzeugnissen der Landwirtschaft.

Dennoch könnten sich die Beziehungen zu China als Segen für die Wirtschaft des größten südamerikanischen Staats erweisen. 53 Milliarden US-Dollar (48 Milliarden Euro) will das Land in den nächsten Jahren in Brasilien investieren – einen Teil der entsprechenden Verträge hatte Li bei seinem Besuch im Gepäck. Für die seit 2011 schwächelnde Ökonomie des Amazonasstaates mit seinen gut 200 Millionen Einwohnern könnte das den nötigen Schub bringen, um das Wachstum wieder auf das Niveau von sechs bis sieben Prozent zu bringen, das in den Jahren vor der Krise von 2008 erreicht worden war.

Das größte Einzelprojekt, das China in Brasilien finanzieren will, ist eine Eisenbahnstrecke, die den südbrasilianischen Atlantikhafen Santos bei Sao Paulo mit dem peruanischen Pazifikhafen Ilo verbinden soll. Zugleich könnte für das Binnenland Bolivien ein dringend benötigter zusätzlicher Zugang zum Meer geschaffen werden. Zehn Milliarden US-Dollar versprach der chinesische Premier in den Bau zu investieren. Jose Graca Lima, Chef der Asien-Abteilung im brasilianischen Außenministerium, sprach im Vorfeld von Lis Reise von einer zweiten Generation chinesischer Investitionen. Statt um Rohstoffe ginge es zukünftig vor allem um Infrastruktur und Schwerindustrie. Ähnlich hatte sich auch Chinas Botschafter in Brasilien, Li Jinzhang, geäußert. Die »Überabhängigkeit von Roh- und Grundstoffen kann nicht von Dauer sein und sollte überwunden werden«. Und Brasilias Handelsminister Armando Monteiro lud chinesische Unternehmen ein, im Lande zu produzieren und es auch als Drehscheibe für die ganze Region zu nutzen.

* Aus: junge Welt, Dienstag, 26. Mai 2015


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