Landraub in Brasilien, 25.12.2010 (Friedensratschlag)
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Rückkehr der Xavante

Landraub: Brasilianisches Gericht entscheidet nach Jahrzehnten endlich zugunsten der Ureinwohner. Die haben davon wenig

Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro *

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace ist in Brasilien seit 2009 auf der Jagd nach »illegalen« Rinderfarmen. Fleischkonzerne wie JBS-Friboi oder globale Supermarktketten wie Wal-Mart sollten lediglich Rinder von brasilianischen Großgrundbesitzern kaufen, die legale Besitztitel vorweisen können, keinen Regenwald illegal abholzen und Indianerreservate respektieren, so die Absicht. Als negatives Beispiel für die Kampagne nutzt Greenpeace das von Rinder- und Sojafarmern heimgesuchte und inzwischen zu 45 Prozent abgeholzte Reservat Marãiwatsede der indigenen Bevölkerungsgruppe der Xavante. Etwa 90 Prozent des 165241 Hektar großen Gebiets seien in der Hand von Großgrundbesitzern und Farmern.

Tatsächlich begann der Landraub und der damit verbundene Genozid an den Xavante bereits 1960. Damals kaufte der Kolonisator Ariosto da Riva aus Sao Paulo im Norden des Bundesstaates Mato Grosso 418000 Hektar Land auf. Zusätzlich bekam er weitere 400000 Hektar von der Staatsregierung geschenkt – obwohl das artenreiche Cerrado- (eine Savannenlandschaft) und Regenwaldgebiet angestammtes Xavante-Land war. Zusammen mit der Unternehmensgruppe Ometto errichtete Riva dort die riesige Rinderzucht-Fazenda »Suiá-Missú«. Die in dem Gebiet lebende indigene Bevölkerung wurde während der ersten sechs Jahre zunächst mit per Flugzeug abgeworfenen Nahrungsmitteln »pazifiziert«, später dann wurden die Xavante als als billige Arbeitskräfte bei der Rodung ihres eigenen Waldes ausgenutzt.

»Wir arbeiteten wie Sklaven«, erinnert sich der Kazike (Stammesführer) Damiao. »Viele von uns starben.« Auf Betreiben der Salesianer, einem großen katholischen Mönchsorden, und der damaligen Indianerschutzbehörde CPI, flog die Luftwaffe 1966 die »restlichen« 263 Xavante der Fazenda in die 400 Kilometer entfernte Mission São Marcos aus. Mehr als 80 von ihnen starben bereits innerhalb der ersten beiden Wochen in der Mission an einer Maserinfektion.

Während die übriggebliebenen Stammesangehörigen bei den Salesianern bleiben mußten, wurde Suiá-Missú zu einem Spekulationsobjekt. 1971 verkaufte Riva die nun »indianerfreie« Fazenda gewinnbringend an das italienische Unternehmen Liquifarm. Das ging 1980 an Italiens halbstaatlichen Erdöl- und Chemieriesen Agip. Dank des Drucks der italienischen Nord-Süd-Kampagne gab der Konzern schließlich während des ersten Erdgipfels der Vereinten Nationen (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro die bis dahin von 500000 auf weniger als 200000 Hektar verkleinerte Fazenda öffentlichkeitswirksam an die vertriebenen Xavante zurück. Die Restitution feierte die Kampagne in Europa als »kleines, aber konkretes Ergebnis der großen UNCED-Konferenz«. Doch die Freude währte nicht lange.

Anstatt umgehend das Land als Indianerterritorium anzuerkennen und die Xavante in ihre – zu diesem Zeitpunkt größtenteils noch nicht abgeholzte Heimat – zurückzufliegen, geriet die verschenkte Agip-Rinderfarm in die Mühlen von Bürokratie und Justiz. Während die Ureinwohner im Zwangsexil ausharren mußten, nutzten skrupellose Politiker und Großgrundbesitzer der Region die Situation. Ungeniert riefen sie nur wenige Tage nach der UN-Konferenz zum organisierten Landraub auf, um Fakten zu schaffen und die Rückkehr der Xavante nach Marãiwatsede zu verhindern.

Es dauerte sechs Jahre, ehe die Regierung schließlich das von Agip geschenkte Land als Indianerreservat anerkannte. Zu spät: Unter den Augen von Indianerschutzbehörde FUNAI, Umweltschutzbehörde IBAMA und Staatsregierung hatten sich bereits Dutzende von Großgrundbesitzern, Lokalpolitikern und Landspekulanten die Anlage unter den Nagel gerissen. Tausende Hektar Wald wurden abgeholzt und abgefackelt. Bodenspekulanten hatten weite Gebiete wie einen Kuchen in kleine Parzellen aufgeteilt und unter dem Titel »Private Landreform« gewinnbringend an Hunderte landsuchende Familien weiterverkauft. Das Nachsehen hatten abermals die Ureinwohner.

Die neuen »Besitzer« der ehemaligen Agip-Farm klagten 1998 gerichtlich gegen die präsidiale Anerkennung der indigenen Landrechte. Brasiliens Justiz ließ die Klagen zu und vertagte die Rückkehr der Xavante bis zum endgültigen Richterspruch, während die illegalen Landbesetzer weiter abholzten, Tausende von Rindern für den Fleischmarkt produzierten und inzwischen auch im großen Stil Soja anbauten. Ungeniert investierten die großen Agrarkonzerne Cargill und Bunge in riesige Silos für die Sojabohnen aus dem okkupierten Reservat.

Viel änderte sich für die Xavante auch nicht, als 2002 mit Luiz Inácio »Lula« da Silva als Präsident die Arbeiterpartei Regierungsverantwortung übernahm. Im Oktober 2003 war deren Geduld dann am Ende. Über 200 Menschen machten sich auf, ihr Territorium zurückzuerobern. Protest und öffentlicher Druck zeitigte 2004 einen Teilerfolg. Etwa zehn Prozent des Landes wurden zurückgegeben. Doch das per vorläufigen Gerichtsentscheid zugesprochene Gebiet war größtenteils ausgeplündert und umgeben von Rinderfarmen und Sojaplantagen. Dennoch kämpften die inzwischen etwa 700 Xavante weiter um Rückgabe des gesamten Landes.

Am 22. November entschied das Tribunal des Bundesstaates Mato Grosso zugunsten der Xavante. Das Gericht wies Besitzansprüche von Großgrundbesitzern, Kleinbauern, Rinder- und Sojafarmern am Reservat zurück. Wer Brasilien kennt, weiß jedoch, daß dies noch lange nicht die tatsächliche Rückgabe des Landes bedeutet. Die illegalen Landbesitzer werden nicht freiwillig weichen. Laut Richterspruch müßten die Behörden nun erst Pläne entwickeln, um gewalttätige Konflikte zu vermeiden und den beteiligten Parteien so wenig Opfer wie möglich abzuverlangen.

* Aus: junge Welt, 24. Dezember 2010


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