Kinderarbeit in Brasilien, 29.12.2010 (Friedensratschlag)
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Kinderarbeit bleibt groß in Mode

n Brasilien müssen trotz Erfolgen in der Armutsbekämpfung noch viele Jugendliche arbeiten

Von Oliver Matz *

Brasiliens Präsident Lula hat sich in seiner Amtszeit, die im Januar endet, früh die Bekämpfung der Kinderarbeit auf die Fahne geschrieben. Doch besonders in den ärmeren Regionen im Nordosten des Landes haben Kinder und Jugendliche oft keine andere Wahl, als ihre Arbeitskraft auf dem illegalen Arbeitsmarkt zu verkaufen.

Der elfjährige Roberto ist wie jeden Tag in Jardins, einem Nobelviertel von São Paulo unterwegs. Über seiner Schulter hängt der Schuhputzkasten, mit dem er sein Geld verdient. Zwei Reais – rund einen US-Dollar – nimmt er für das Reinigen der Schuhe. An guten Tagen kommen so zwischen 30 und 40 Reais zusammen. »Dieser Bezirk eignet sich gut zum Geldverdienen«, weiß Roberto. Er selbst wohnt nicht hier, sondern in der Favela Paraisópolis im Bezirk Morumbi, einem Elendsviertel im Südosten der Millionenmetropole.

Roberto ist nur eines der rund vier Millionen Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen fünf und 17 Jahren, die in Brasilien des Jahres 2010 einer Arbeit nachgehen. Zwar hatte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der selbst im Alter von elf Jahren begann, in einer Fabrik zu arbeiten, die Bekämpfung der Kinderarbeit bereits 2004 als eine der Hauptherausforderungen für seine Regierung bezeichnet. Trotz massiver Anstrengungen seiner Regierung ist Kinderarbeit aber auch 2010 noch ein Massenphänomen in dem südamerikanischen Schwellenland. Besonders in den ärmeren Regionen im Nordosten Brasiliens haben Kinder und Jugendliche oft keine andere Wahl, als sich in den illegalen Arbeitsmarkt zu integrieren.

Dabei waren bereits 1989 verfassungsmäßige Rechte für Kinder festgeschrieben worden. So sieht die Konstitution vor, dass bei allen Entscheidungen, die Kinder betreffen, der Staat laut Artikel 227 auf das Wohl der Kinder achten muss. Nahezu jeder der 8000 Bezirke des Landes besitzt Ausschüsse, deren Aufgabe es ist, sicherzustellen, dass die Rechte der Kinder gewahrt bleiben. In der Realität wird diesen Institutionen allerdings oft vorgeworfen, dass ihre Arbeit unzureichend ist, um das Leben der Kinder in Brasilien effektiv zu verbessern. »Die Politik fühlt sich als Besitzer der Kinderrechts-Strukturen, obwohl es sich dabei doch um Kontrollinstanzen handeln sollte«, kritisiert der brasilianische Kinderrechtsexperte Irmao Raymundo Mesquita. Genaue Beobachtung und ständige Kritik dieser Strukturen seien nötig, denn Missstände gebe es weiterhin.

Beitrag zum dürftigen Familieneinkommen

Eine der Hauptursachen für die Kinderarbeit ist die extreme Armut vieler brasilianischer Haushalte. In Familien, wo das Einkommen der Eltern schlicht nicht ausreichend ist, um die Familie zu ernähren, wird von den Kindern erwartet, das sie einer bezahlten Tätigkeit nachgehen. Während Kinder aus den Großstädten wie Roberto dabei primär als informelle Verkäufer, Schuhputzer oder Straßenakrobaten ihr Geld verdienen, arbeiten die Kinder aus den ländlichen Armutsvierteln vor allem auf Zucker-, Orangen- oder Kaffeeplantagen.

Ein einflussreicher Faktor für die Kinderarbeit ist der schlechte Zustand der öffentlichen Schulen in Brasilien. In spärlich besiedelten ländlichen Regionen des Landes befinden sich die Grundschulen häufig in weiter Entfernung von den Haushalten. Oberschulen existieren gar nur in den größeren Städten. Die Bildungsanstalten sind allgemein sehr schlecht mit Unterrichtsmaterialien, Schulmöbeln und Sanitäranlagen ausgerüstet. Offiziell ist der Schulbesuch für Kinder zwischen sieben und 14 Jahren in Brasilien zwar obligatorisch, in der Praxis wird dieser Pflicht aber häufig nicht nachgekommen. Ein Grund hierfür ist, dass viele Familien nicht in der Lage sind, die hohen Kosten für die Schuluniformen, die -bücher und die Bustickets zu übernehmen. Neunzig Prozent der Kinder, die in ländlichen Gegenden arbeiten, besuchen die Schule für weniger als vier Jahre, bei den Kindern aus den Favelas ist dies noch dramatischer. Hier geht nur jedes achte Kind zur Schule.

Die Regierung Lula da Silvas hat mit dem Sozialprogramm »Bolsa Familia« eine finanzielle Unterstützung initiiert, um den Schulbesuch der Kinder zu fördern. Dieses Programm gewährt bedürftigen Familien dafür, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken, monatlich bis zu 22 Reais, umgerechnet etwa zwölf US-Dollar. Diese Hilfe kommt pro Familie bis zu drei Kindern zu Gute und ist für alle Familien zugänglich, deren Einkommen unterhalb der staatlich festgesetzten Armutsgrenze von 140 Reais (ca. 80 Dollar) im Monat liegt. Sozialarbeiter wie Antonio Carlos aus São Paulo ziehen täglich durch Straßen der brasilianischen Städte, um die Eltern der Straßenkinder aufzuspüren, und sie anzuhalten, den Aufklärungsveranstaltungen beizuwohnen, damit sie ihre Kinder in die Schule schicken. »Die Unterstützung wird gestrichen, falls die Kinder nicht regelmäßig die Schule besuchen«, so Adriana Palheta Cardoso, verantwortlich für das Programm in São Paulo.

Obwohl die Zahl der arbeitenden Kinder sich nicht zuletzt durch die von der Regierung Lula da Silvas initiierten Sozialprogramme in den letzten Jahren verringert hat, gelten weiterhin 25,8 Prozent der Familien in Brasilien als sehr arm. Dieser Umstand wird die Eltern zwingen, weiterhin auf den Faktor Kinderarbeit zu setzen.

Schwere Aufgabe für Dilma Rousseff

Dilma Rousseff, Brasiliens im Januar antretende neue Präsidentin, hat viel Arbeit vor sich, um die Armut in Brasilien weiter signifikant zurückzudrängen. Zur Überwindung des Elends müssen weitere Sozialprogramme und Aufklärung zusammen wirken. Die Erhöhung des staatlich festgelegten Mindestlohnes und der Einsatz öffentlich geförderter Beschäftigungsprogramme sind unverzichtbar, um den Hunger zu überwinden. Darauf aufbauend wird es dann darauf ankommen, die Gesellschaft als Ganzes und hier besonders die Eltern für das Problem der Kinderarbeit zu sensibilisieren. Denn erst wenn den Erwachsenen der ewig widerkehrende Kreislauf von Unwissenheit und Armut bewusst geworden ist, werden die Eltern willens sein, ihre Kinder in die Schule und nicht mehr auf die Straßen beziehungsweise die Plantagen zu schicken.

* Aus: Neues Deutschland, 28. Dezember 2010


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