Landflucht: Bauboom in Afrikas Metropolen, 24.12.2011 (Friedensratschlag)
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Die neuen Städte

Immer mehr Menschen flüchten vom Land / Bauboom in Afrikas Metropolen

Von Armin Osmanovic *

Afrikas Städte stehen vor riesigen Herausforderungen, denn der Zustrom vom Land hält an.

Nach Angaben der Vereinten Nationen hatte die Weltbevölkerung Ende Oktober die Marke von sieben Milliarden Menschen überschritten. Afrika ist der Kontinent mit dem höchsten Wachstum. Allein in den nächsten 40 Jahren soll sich die Bevölkerung auf unserem Nachbarkontinent von heute eine Milliarde auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln.

In Nigeria, mit rund 160 Millionen Menschen Afrikas bevölkerungsreichstes Land, soll die Zahl der Einwohner bis 2100 auf 730 Millionen Menschen anwachsen. Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, werden dann mehr Menschen in dem westafrikanischen Land leben als in ganz Europa. Schon heute leben etwa 400 Millionen Menschen, knapp 40 Prozent der Bevölkerung Afrikas in den Städten. Jedes Jahr wächst Afrikas Stadtbevölkerung um 3,4 Prozent oder 13,5 Millionen Menschen, die in den Städten mit Unterkünften, Essen und Wasser versorgt werden müssen.

Dem UN-Bericht »The State of African Cities 2010« zufolge wird sich die Zahl der Menschen in Afrikas Städten in den kommenden 40 Jahren verdreifachen. Dann könnten 60 Prozent der Bevölkerung oder 1,23 Milliarden Menschen dort wohnen.

Die größte Stadt Afrikas ist gegenwärtig Kairo. Im Jahr 2015 wird sie von Lagos, der nigerianischen Wirtschaftsmetropole, abgelöst werden, die nach den Prognosen der UN auf 12,4 Millionen Einwohner anschwellen wird.

Zu den fünf größten Städten südlich der Sahara werden 2020 Lagos (14,2 Millionen Einwohner), Kinshasa (12,8), Luanda (7,1 Millionen), Abidjan (5,5) und Nairobi (5,2) zählen. Die Stadt mit dem schnellsten Wachstum ist momentan Ouagadougou in Burkina Faso. Dort soll die Bevölkerung von heute 1,9 Millionen auf 3,4 Millionen anwachsen.

Die rasche Verstädterung ist per se weder gut noch schlecht. Vieles hängt davon ab, wie das Bevölkerungswachstum von den nationalen und lokalen Regierungen und Verwaltungen gesteuert wird. Viele der Städter sind heute schon mehr schlecht als recht an die Versorgung mit Strom und Wasser angeschlossen. Wohnungen, Krankenhäuser, Schulen, Straßen, öffentlicher Verkehr und die Entsorgung von Abwasser und Müll fehlen ebenso.

Baukräne und Bagger sind in vielen Städten des Kontinents zu sehen. Teilweise werden ganze Stadtviertel mit Wohnungen und Bürogebäude aus dem Boden gestampft. Besucher, die die senegalesische Hauptstadt Dakar vor mehr als zehn Jahren zuletzt besucht hatten, meinen, diese angesichts der zahlreichen neuen Straßen und Gebäude teilweise nicht wiedererkennen zu können.

In Lagos entsteht ein neues Viertel, das Platz für 250 000 Menschen und 150 000 Arbeitsplätze, vor allem in der Finanzindustrie, schaffen soll. Das Viertel, das dem Meer abgerungen wird und in dem neue Wolkenkratzer der Stadt ein modernes Antlitz verleihen sollen, heißt Eko Atlantic. Lagos will sich modernisieren und seine Position als wichtiger globaler Finanzplatz stärken.

In den wachsenden Städten Afrikas sehen Wirtschaftsgeografen einen Vorteil, da sich um die Kernstädte breite Speckgürtel bilden, die sogenannte Agglomeration. Diese bietet vor allem einen größeren Markt mit mehr Nachfrage, so dass sich die Produktion von Produkten verbilligt, einen größeren Arbeitskräftepool und auch die gemeinsame Teilhabe von Unternehmen an technologischen Neuerungen.

Wo viele Menschen zusammenleben, besonders wo viele Arme und wenige Reiche sich eine Stadt teilen, treten aber auch hohe Kriminalität und soziale Proteste auf. Johannesburg, Südafrikas Wirtschaftsmetropole, ist so was wie die Zukunft vieler afrikanischer Städte. Hier, im Süden des Kontinents, wo aus dem Nichts eine Millionenstadt entstand, weil man vor mehr als 100 Jahren Gold fand, leben Superreiche und Reiche, Angehörige der aufstrebenden Mittelklasse und viele Arme und Abgehängte in einer Stadt zusammen. Hohe Kriminalität und soziale Proteste gehören denn auch zur Tagesordnung in der Millionenstadt.

* Aus: neues deutschland, 23. Dezember 2011


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