Afrika sucht grüne Wege in die Zukunft, 22.12.2010 (Friedensratschlag)
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Afrika sucht grüne Wege in die Zukunft

Umwelt- und Entwicklungsexperten empfehlen ressourcenschonendes, arbeitsintensives Modell

Von Stephen Leahy, Uxbridge (IPS) *

Afrika gehört zu den Regionen, die am stärksten unter dem Klimawandel zu leiden haben. Um den drohenden Widrigkeiten zu trotzen, empfehlen Entwicklungs- und Umweltexperten ein »grünes« Wirtschaftswachstum, das auf erneuerbaren Energien beruht und viele Arbeitsplätze bereithält.

Für Supachai Panitchpakdi ist es eine klare Sache: Das neoliberale Wirtschaftsmodell sei für Afrika gänzlich ungeeignet, meint der Generalsekretär der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). »Exportwachstum führt nicht automatisch zu einem grünen Wirtschaftswachstum. Wir brauchen einen Handel für Entwicklung.« Damit Afrikas Wirtschaft grünen kann, sei eine starke nationale Handels-, Investitions- und Steuerpolitik unabdinglich, so Panitchpakdi. Darüber hinaus müssten die lokalen Industrien geschützt und eine Abkehr von restriktiven Patentschutzgesetzen vollzogen werden. »Eine grüne wirtschaftliche Entwicklung stärkt den Umweltschutz, wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung.«

Die zögerliche Erholung der Weltwirtschaft in diesem Jahr zeichne sich durch einen Mangel neuer Arbeitsplätze aus. Tatsächlich laufe das derzeitige Wirtschaftswachstumsmodell darauf hinaus, Menschen überflüssig zu machen, betont Achim Steiner, Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms (UNEP). So begünstigt es beispielsweise große Energieversorgungsnetze, die mit wenigen Mitarbeitern auskommen. »Eine CO2-sparsame Wirtschaft ist weniger für die reichen als für die armen Länder geeignet. Sie ist ressourceneffizient, beschäftigt mehr Menschen und ermöglicht eine kostengünstige Entwicklung«, ergänzt Steiner. »Wir müssen die afrikanischen Volkswirtschaften ausschließlich mit Hilfe einer grünen nachhaltigen Entwicklung unterstützen, die nicht an den Verbrauch von Ressourcen gekoppelt ist.« »Die Entwicklungsbemühungen von 50 Jahren konnten 80 Prozent der kenianischen Bevölkerung keinen Strom bringen«, so der UNEP-Chef weiter. Seit 2008, als man sich den erneuerbaren Energien zugewendet habe, seien mehr Kenianer denn je mit Strom versorgt. Das Stromeinspeisungssystem für erneuerbare Energien könnte dem ostafrikanischen Land in diesem Jahr zu 1.300 Megawatt Strom aus Biomasse, Erdwärme, Biogas, Solarenergie, Wind und kleinen Wasserkraftwerken verhelfen.

»Mehr als eine halbe Milliarde Menschen im ländlichen Afrika hat einen eingeschränkten oder gar keinen Zugang zu Strom«, berichtet Nebojsa Nakicenovic vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Österreich. Sie zahlten einen großen Teil ihrer Einkommen für Licht aus Kerosinlampen oder für Dieselstrom. Ihre Stromkosten seien doppelt so hoch wie die der Europäer. Die Kosten für den universellen Zugang zu einer modernen Energieversorgung weltweit werden von der Internationalen Atomenergiebehörde, der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO) oder anderen Agenturen mit 80 Milliarden bis 100 Milliarden US-Dollar angegeben. »Das hört sich zwar nach sehr viel an, ist im Vergleich zu den jährlich 300 Milliarden bis 600 Milliarden Dollar, mit denen der Bereich der fossilen Brennstoffe subventioniert wird, gering.« Eine umfassende Stromversorgung würde mit einer Vielzahl positiver Entwicklungen einhergehen. Die wirtschaftliche Entwicklung käme voran, die Gesundheit von Millionen Menschen, die in ihren Hütten mit Rauch bildenden Kerosin- oder anderen Öfen kochen, ließe sich verbessern. Auch könnten die klimaschädlichen Treibhausgase gesenkt und die Abholzung der Wälder verringert werden. Lokale Technologien und Energie aus Wasserkraftwerken, Biomasse, Solar- und Windkraft und anderen Formen sind für Afrika bestens geeignet. Die Herausforderung besteht nun darin, die notwendigen Investitionen aufzutreiben. »Dafür brauchen wir kein internationales Klimaabkommen«, sagt Nakicenovic. »Allein schon Dinge richtig zu tun, bringt grünes Wachstum und Wohlstand.«

* Aus: Neues Deutschland, 21. Dezember 2010


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