Stiftung von Frieden und Demokratie klappt nicht, 29.06.2009 (Friedensratschlag)
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Die Zeit arbeitet für die Taliban

Die militärisch oktroyierte Stiftung von Frieden und Demokratie klappt seit Jahrzehnten nicht, wird aber wie in Afghanistan oder im Irak trotzdem fortgesetzt

Rudolf Walther *

Mit den letzten drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan stieg die Gesamtzahl der Opfer auf 35. Und kaum überraschend reißt die Nebelwand der Phrasen, mit denen der Krieg zur „Mission“, zur „Militäroperation“ oder zum „Friedenseinsatz“ verklärt wird. Die sprachliche Kosmetik hat ausgedient. Der Kriegseinsatz soll – so das offiziell formulierte Ziel – den Afghanen Frieden und Demokratie bringen. Und das, obwohl die Bilanz vieler Versuche, sich diesen Zielen über militärische Strategien zu nähern, nicht sonderlich ermutigend aussieht. Tatsächlich erfolgreich war man damit seit 1945 genau genommen nur einmal, und das mit Abstrichen.

Der niederländisch-israelische Militärhistoriker Martin van Crefeld hat diese Bilanz in seinem neuesten Buch Gesichter des Krieges (Verlag Siedler) dargestellt. Die Liste des Scheiterns von Kriegseinsätzen beginnt 1947, als 100.000 britische Soldaten mit einigen hundert jüdischen Terroristen militärisch nicht fertig wurden, die Staatsgründung zulassen mussten und danach abzogen. Ähnliches wiederholte sich in Korea, Vietnam, China, Algerien, Kenia, Malaysia, Zypern und dem Südjemen, um nur einige Niederlagen zu nennen. Die USA hatten in Vietnam zeitweise 500.000 Mann im Feld. 58.000 aus diesem Interventionskorps und rund zwei Million Vietnamesen bezahlten diese Art von „Friedensstiftung“ mit ihrem Leben. Seinerzeit war natürlich auch von Belang, dass Südvietnam antikommunistisch bleiben sollte. Die damals von den USA vertretene Domino-Theorie ging davon aus, dass bei einem Verlust Südvietnams „für die freie Welt“ der Vormarsch des Kommunismus in Südostasien nicht mehr aufzuhalten sei.

Die Moral der Guerilla

Auch der Versuch der Franzosen in Algerien, das nordafrikanische Land an die demokratische Kultur des Kolonialherren zu binden, zu "pazifizieren" und nicht den Unwägbarkeiten der Unabhängigkeit zu überlassen, endete nicht wesentlich anders als für die Amerikaner die Präsenz in Indochina. Oder der jüngste Krieg in Gaza vom Januar 2009 mit 1.300 toten Palästinensern ist „ein Beweis dafür,… dass selbst die fortschrittlichsten, am besten ausgerüsteten Streitkräfte gegenüber einem extrem schwachen Gegner scheitern können“ (van Crefeld). Für dieses Scheitern gibt es rein militärisch – zwar vereinfachend, aber nicht verfälschend – zwei Gründe: den Zeitfaktor und die Asymmetrie der Opferzahlen.

Erstens: „Den Krieg verlängern, ist der Schlüssel zum Sieg“, sagte Truong Chinh, in den achtziger Jahren Staatsratsvorsitzender in Nordvietnam und zuvor Ho Chi Minhs rechte Hand. Was damit gemeint ist: Die Zeit arbeitet für Guerillaformationen und gegen Interventionsarmeen. Erstere machen aus ihrer militärischen Schwäche eine politisch-moralische Stärke und gewinnen, je länger der Konflikt dauert, mehr Respekt bei der eigenen Bevölkerung, wodurch auch die Moral der Kämpfenden steigt. Bei den Interventionsarmeen ist es genau umgekehrt: Je länger sie „Frieden“ stiften wollen, aber nur Tod verbreiten, desto mehr schwinden Legitimation und Motivation bei den Soldaten wie an der Heimatfront. Zweitens wird „Friedensstiftung“ mittels Krieg durch das Gefälle der Opferzahlen delegitimiert: 58.000 tote US-Soldaten stehen über zwei Millionen toten Vietnamesen gegenüber. Das verurteilt das Kriegsunternehmen politisch und moralisch als Verbrechen und ist allenfalls mit freiwilligen Soldaten, aber nicht mit Wehrpflichtigen lange durchzustehen. Im Gegensatz zur Praxis seinerzeit in Südvietnam besteht die US-Armee im Irak und in Afghanistan aus Freiwilligen.

Das Beispiel Nordirland

Interventionsarmeen gegen Aufständische haben seit 1945 nur einmal politisch und moralisch nicht verloren und zwar dort, wo sie – wie in Nordirland – „äußerste Selbstdisziplin“ (van Crefeld) übten. Die britische Armee ließ sich in Belfast oder Derry nicht zu harten Gegenschlägen provozieren, setzte weder Folter, noch Kollektivstrafen, noch schwere Waffen (Panzer, Kampfhubschrauber, Artillerie, Kampfflugzeuge) ein und überließ die Hauptlast der Verfolgung von Terroristen der Polizei und Justiz. Die Opferbilanz drückt das aus: in Nordirland starben 1700 Zivilisten und etwa 750 britische Soldaten durch IRA-Anschläge. Auf der anderen Seite wurden 300 IRA-Terroristen erschossen. Auch dieser Krieg hatte einen hohen Preis, aber einen politisch und moralisch vermittelbaren. Ein Blick nach Palästina, in den Irak oder nach Afghanistan zeigt, dass es zur britischen Methode keine politisch-moralisch belastbare Alternative gibt.

* Aus: Wochenzeitung "Freitag", (online), 25. Juni 2009; www.freitag.de


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