Afghanistan vor einer Opiumrekordernte, 23.05.2003 (Friedensratschlag)
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Der Mohn steht in voller Blüte

Afghanistan vor einer Opiumrekordernte

Im Folgenden dokumentieren wir einen Artikel aus der Schweizer Wochenzeitung WoZ vom 22. Mai 2003.

Von Jan Heller, Kabul

Dass Drogenanbau gottgefällig sei, findet sich nirgends im Koran, nicht in der Sunna - dem traditionellen islamischen Recht - und auch nicht in den überlieferten Sprüchen des Propheten Mohammed. Aber wer in Afghanistan kann die Quellen schon im originalen Arabisch lesen. So müssen sich die vielen analphabetischen AfghanInnen auf die Autorität ihrer Mullahs verlassen. Einige von denen nutzen das weidlich aus. In der Provinz Logar, vor den Toren der Hauptstadt Kabul, wurde in einigen Moscheen sogar per Fatwa verkündet: Der Anbau von Opiummohn ist so lange gestattet, wie das daraus gewonnene Rauschgift nicht die frommen Moslems schädigt, sondern "nur" die Ungläubigen im Westen. Diese Sprüche sind ein Déjŕ-vu aus Taliban-Zeiten und auch schon wieder politisches Programm. Fundamentalistische Mullahs und um ihr Machtmonopol bangende ehemalige Mudschaheddin wollen die um Legitimität kämpfende Regierung in Kabul unterminieren, indem sie die ganze Ohmacht des Interimsstaatschefs Hamid Karsai vorführen. Dazu ist nichts besser geeignet als eine neue Opiumrekordernte.

Und genau die kündigt sich an. Mit 4000 Tonnen rechnen die Vereinten Nationen. Russische Behörden gehen von 6000 Tonnen aus, das indische Narcotics Control Bureau laut "Times of India" sogar von schwindelerregenden 40'000 Tonnen. Schon die russischen Befürchtungen wären fast eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr, als mit 3500 Tonnen schon der letzte Taliban-Rekord erreicht wurde, mit einer Milliarde Dollar Gewinn für die afghanischen Drogenbarone und einem Marktwert von 25 Milliarden US-Dollar. An Afghanistans Grenzen werden bereits die ersten Anzeichen für die neue Rauschgiftflut sichtbar. Pakistanischen Rauschgiftfahndern fiel Anfang Mai eine Lieferung von 1350 Kilo Heroin in die Hände, die über Iran und Irakisch-Kurdistan nach Europa gehen sollte - der grösste Fang in Pakistans Geschichte.

Der afghanische Finanzminister Aschraf Ghani warnte unterdessen vor der Entstehung eines "Drogenmafia-Staates" in Afghanistan, wenn jetzt nicht die zugesagte Entwicklungshilfe gezahlt werde. Gebraucht wird das Geld unter anderem für Kabuls neue Antidrogenstrategie, deren Entwurf auch auf alternative Lebensmöglichkeiten für Opiumbauern und eine Stärkung der Polizeigewalt setzt. In fünf Jahren, so der Plan, soll die Drogenproduktion so um siebzig Prozent verringert, binnen zehn Jahren ganz eliminiert werden.

Hadschi Rahmat, ein Stammesältester aus der Provinz Paktia im Südosten des Landes, ist überzeugt, dass seinen Stammesbrüdern klar ist, dass der Anbau der Rauschgiftpflanze sowohl gegen das Gesetz als auch gegen die Grundsätze seines Glaubens verstösst. Warum steht in seinem Distrikt dann trotzdem überall der Mohn in Blüte? Die Antwort des Hadschi fällt ausführlich aus: Die Leute in seinem Dorf seien nach 23 Jahren Krieg bitterarm, Mohn bringe mehr Einkommen als Weizen, und sie seien sich der Folgen des Drogenkonsums nicht bewusst. Vielerorts zwängen die wieder auf der Bildfläche aufgetauchten Warlords die Bauern zum Drogenanbau und kassierten dabei saftig ab.

Der Distrikt Tschamkani liegt in einem gut bewässerten grünen Tal. Traktoren auf den Feldern sprechen von einem gewissen Wohlstand. Dass Pakistan nahe ist, sieht man nicht nur am Angebot auf dem geschäftigen Basar. Ein Drittel der Menschen aus Tschamkani hält sich noch immer in Pakistan auf - mehr als Arbeitsmigranten denn als Flüchtlinge. In Pakistan befindet sich auch das nächste Krankenhaus, Tschamkani selbst hat nur eine kleine Klinik mit medizinischer Basisversorgung. Bis zur nächsten Provinzhauptstadt sind es fast vier Autostunden über holprige Pisten und steinige Flussbetten. Eines von zwei Schulhäusern ist zerstört. Der Distriktgouverneur Sejjed Omar residiert in einem Gebäude mit leeren Fensterhöhlen. Er besitzt nicht einmal einen eigenen Schreibtisch. Polizeikommandant Hadiullah hat immerhin seine dunkelblaue Uniform über den Krieg gerettet. Solche wünscht er sich auch für seine vierzig Hilfspolizisten, die ihm der Stammesrat stellt: "Damit die Leute sie an den Kontrollstellen von Räubern unterscheiden können." Vom mageren Budget aus Kabul kommt auf der Distriktebene nichts an. Weder Omar noch Hadiullah und seine Polizisten haben seit Monaten ein Gehalt gesehen. Auch hier springt der Stammesrat ein, und Omar, ein wohlhabender Händler, steuert etwas aus seiner eigenen Tasche bei. Ahmad Dschan vom Stammesrat berichtet von Opiumexperten aus den traditionellen Anbaugebieten in Nangrahar oder Helmand, die in der Gegend Felder leasen, Mohn anbauen und auch gleich ihre Erntekolonnen mitbringen. Die Paschtunen in Tschamkani bauen in diesem Jahr erstmals Opiummohn an, besitzen aber nicht genug Erfahrung im Anritzen dessen reifer Kapseln. Und sie berichten von geheimnisvollen Arabern, die über die nahe Grenze kommen und die Argumente der Drogenfatwas mit gutem Geld untersetzen.

Aber die neue Opiumflut ist auch Ergebnis kurzsichtiger Entwicklungspolitik. Im Jahr nach dem Sturz der Taliban sorgte die britische Regierung für Kompensationszahlungen an afghanische Bauern, die sich dem Abbrennen oder Unterpflügen ihrer Saat nicht widersetzten. Damit wurden Erwartungen für dieses Jahr geweckt, doch die Politik hatte sich inzwischen geändert: In diesem Jahr sollen Opiummohnfelder ohne Kompensation vernichtet werden. Doch das lassen die Bauern nicht mit sich machen, und die Karsai-Regierung ist ohnhin zu schwach, ihre Polizei oder ihre Truppen überall hinzuschicken. Und wenn sie doch kommen, wissen afghanische Drogenbekämpfungsexperten, wie die eigene Kampagne in der Realität aussieht. "Unsere Teams in den Dörfern zerstören einen Dscherib (0,2 Hektar) Mohn, melden zwei Hektar und streichen das Geld für die Differenz ein." Natürlich will dieser Experte ungenannt bleiben. Aber auch beim Endprodukt greifen die Afghanen in die Trickkiste: Britische Experten fanden bei siebzig Prozent aller Stichproben von beschlagnahmtem Rohopium nicht den geringsten Morphingehalt.

Aus: WoZ, 22. Mai 2003


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