Afghanistan: Nicht nur Freizeitfotos, 31.10.2006 (Friedensratschlag)
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Bundeswehr in Afghanistan: "Bitte nicht nur Freizeitfotos!"

Ein ganz seltener Fall: Friedensbewegung schreibt an die BILD-Zeitung

Das dürfte nicht alle Tage vorkommen: Dass eine Friedensorganisation sich mit einem Offenen Brief an die "Bild"-Zeitung wendet und dabei die Redaktion keineswegs mit Kritik überzieht, sondern sie sogar ermutigt, in ihrer Berichterstattung fortzufahren. Geschehen am 30. Oktober 2006. Anlass: Die Veröffentlichung der Totenkopf-Skandalfotos von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan (vgl. "Empörung über Totenschädel-Skandal"). Absender: Der Bundesausschuss Friedensratschlag. Wir dokumentieren im Folgenden dessen Presseerklärung und den angehängten Brief an die BILD-Redaktion und werden selbstverständlich auch die Antwort der Zeitung - falls es eine gibt - dokumentieren.



Keine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes

Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensratschlag
  • "Enduring Freedom" beenden
  • KSK aus Afghanistan zurückziehen
  • Friedensbewegung schreibt an "Bild"-Zeitung
  • Aktionstage vor Bundestagsentscheidung
Kassel, 30. Oktober - Nach einer Klausurtagung des Bundesausschusses Friedensratschlag am Wochenende in Kassel erklärte dessen Sprecher Peter Strutynski:

Am selben Tag, an dem der Totenkopf-Skandal der Bundeswehr in Afghanistan öffentlich wurde, beschloss die Bundesregierung, den Einsatz des Kommandos Spezialkräfe (KSK) im Rahmen des Kriegseinsatzes "Enduring Freedom" unter US-Führung um ein Jahr zu verlängern. Am 9. November soll nun der Bundestag dieses Mandat formell beschließen.

Dem KSK, das seit fünf Jahren in und um Afghanistan mit geheimen Spezialeinsätzen beauftragt ist, wird schon seit langem vorgeworfen, sich an Kriegsoperationen zu beteiligen, die gegen das humanitäre Kriegsvölkerrecht verstoßen könnten. Der ebenfalls vor wenigen Tagen bekannt gewordene "Fall Kurnaz" (KSK soll an der Misshandlung des Deutsch-Türken Murat Kurnaz beteiligt gewesen sein) könnte auch wieder nur die Spitze des berühmten Eisbergs darstellen. Anstatt verwertbare Ergebnisse der eingeleiteten Untersuchungen der "Vorkommnisse" abzuwarten und den Bundeswehreinsatz zumindest so lange zu unterbrechen, ging das Kabinett einfach zur Tagesordnung über und verlängerte den Kampfeinsatz der "Elitetruppe". Damit ist auch deutlich, wer letztlich die Verantwortung für die (vielen) "Einzelfälle" trägt, die jetzt so lauthals beklagt werden: Es sind die Politiker, die junge Soldaten in einen Krieg schicken, in dem sie nichts zu suchen haben und dem sie in keiner Weise gewachsen sind.

Der Bundesausschuss Friedensratschlag hat sich heute erstmals mit einem Offenen Brief an die "Bild"-Zeitung gewandt und deren Chefredaktion aufgefordert, nicht nur Freizeitfotos der Soldaten zu veröffentlichen, sondern auch Bilder, die sie bei ihrer "Arbeit" zeigen. Der Kriegsalltag und das tödliche Geschäft, das die Truppe in Afghanistan betreibt, könnten noch wesentlich grausamere Bilder zutage fördern als die schändlichen Totenkopf-Fotos. (Siehe den Brief im Anhang unten.)

Die Friedensbewegung ist aufgerufen, in den kommenden Tagen mit vielfältigen Aktionen über die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu informieren und die Abgeordneten des Bundestags aufzufordern, sich einer Verlängerung des Kriegseinsatzes im Rahmen von Enduring Freedom zu widersetzen. An den Aktionstagen am 4. und/oder 8. November sollen überall im Land Veranstalungen (Info-Stände, Besuche bei Abgeordneten) stattfinden, mit denen für eine Beendigung des Kriegseinsatzes in Afghanistan geworben werden soll. Damit soll gleichzeitig die gesamte Neuausrichtung der Bundeswehr auf eine weltweit operierende Einsatzarmee, wie sie jetzt im "Weißbuch" vorgenommen wurde, in Frage gestellt werden.

Für den Bundesausschuss Friedensratschlag:
Peter Strutynski, Kassel


Anhang: Brief an die "Bild"-Redaktion

An die Redaktion der Bild-Zeitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir danken Ihnen für die Dokumentation der Skandalfotos [über die obszönen Totenschändungen durch Bundeswehrsoldaten in] aus Afghanistan. Die große Zahl dieser Fotos - die nach Ihren Angaben offenbar in die Hunderte geht - zeigt deutlich, dass es sich keinesfalls um Einzelfälle handelt.

Viel wurde in Ihrem Blatt und in anderen Medien über die Ursachen solcher Entgleisungen bei deutschen Eliteeinheiten diskutiert: Mangelt es den jungen Männer an Ausbildung oder verrohen Soldaten zwangsläufig im Krieg, so eine häufige Frage.

Eine Frage wurde erstaunlicher Weise nicht gestellt: Wenn die Soldaten schon in ihrer Freizeit eine solche Verachtung für die einheimische Bevölkerung an den Tag legen, wie mögen sie dann bei ihrer täglichen Arbeit mit ihr umgehen?

Wir möchten Sie daher bitten, ihre guten Kontakte zur Truppe zu nutzen, um auch in das Treiben unserer Soldaten im Dienst etwas Licht zu bringen.

Über die Schändung toter Afghanen dürfen wir den Umgang unserer Soldaten mit den lebenden nicht vergessen. Bis zu 80 afghanische Zivilisten, die allein in der letzten Woche von Nato-Truppen getötet wurden, mahnen uns.

Mit freundlichen Grüßen,
Peter Strutynski
Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag
Kassel, 30. Oktober 2006


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