Zum Verhältnis zwischen Polen und Russland, 10.12.2005 (Friedensratschlag)
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Das schwierige Verhältnis zwischen Polen und Russland

Konflikte und Zerwürfnisse in der Vergangenheit und ihre Wirkungen

Von Eckart Mehls*

1. Geschichtliches bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Das schwierige, immer wieder in plötzliche, dem unbeteiligten Beobachter oft genug schwer verständlich erscheinende Zuspitzungen eskalierende polnisch-russische Verhältnis mit dem Versuch einer kurzen Einführung auf rational fassliche Ursachen zurückführen zu wollen, ist ein von vornherein gewagtes, fast aussichtsloses Unternehmen. Es ist angesichts der sich vielschichtig überlagernden historischen, sozialpsychologischen, kulturellen und nicht zuletzt aktuell-politischen Ebenen und Aspekte unausweichlich der Gefahr ausgesetzt, im Fragmentarischen verbleiben zu müssen, für ein tieferes Verständnis eigentlich wesentliche Probleme nur andeuten zu können oder es bei Wertungsversuchen an der notwendigen Differenzierung fehlen lassen zu müssen.

Wenn hier dennoch der Versuch unternommen wird, aus der Sicht des Historikers einen kleinen Beitrag zur Erleichterung des Verständnisses für die wirklich schwierige Problematik zu leisten, dann ist dies mit der Bitte verbunden, das vorher Gesagte als stets mit zu denkenden Bestandteil der nachfolgenden Darstellungen zu betrachten.

Dass die historische Komponente im Gesamtgefüge der Ursachen für das Entstehen eines "schwierigen polnisch-russischen Verhältnisses" eine erstrangige Bedeutung hat ist sicher unstrittig. Es muss aber aus meiner Sicht bereits ganz am Anfang darauf hingewiesen werden, dass es in der langen Geschichte der Herausbildung des heute so komplizierten polnisch-russischen Verhältnisses sehr unterschiedliche Konstellationen gab. Ich will damit mit aller gebotenen Zurückhaltung einen Einwand gegen eine gegenwärtig im Selbstverständnis der polnischen Öffentlichkeit dominante, gewissermaßen tabuisierte, d. h. schon nicht mehr hinterfragte, also als gesetzt geltende Komponente formulieren, dass es nämlich das vom Schicksal dem polnischen Volk auferlegte Los sei, zwischen feindlichen Nachbarn leben zu müssen und deren böswilligen Absichten ausgesetzt zu sein. So sehr eine solche Sicht (mit all ihren Folgen, worauf zurückzukommen sein wird) aus dem Blickwinkel der jüngeren Geschichte Polens auch als mehr oder weniger gerechtfertigt erscheinen könnte, so unrichtig und in ihren Auswirkungen fatal ist sie angesichts der historischen Realitäten.

Bei unvoreingenommener Sicht auf die Geschichte ist ganz nüchtern festzustellen, das sich Polen über das gesamte Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit hinein eigentlich normal wie die Mehrzahl der anderen europäischen Staaten auch entwickelte. Polen rieb sich wie alle anderen Staaten mit seinen Nachbarn. Territoriale Expansion nach allen Richtungen hin, sei es durch dynastische Familienpolitik, durch militärische Gewalt, wo immer sie sich anbot, durch geschickte Diplomatie und (oft genug dubiose) Bündnisse oder Ausnutzung innerer Wirren und Schwächen der Nachbarn, wechselte sich mit teils drastischen Gebietsverlusten ab. So wie fast alle Staaten jener frühen Zeit europäischer Geschichte bietet auch das Territorium des polnischen Staates, um es in einem etwas gewagten Vergleich zu sagen, das Bild eines lebhaft pulsierenden Sterns, der sich nur langsam konsolidiert und stabilisiert. Wechselvoll ist das Aufeinandertreffen polnischer Westausdehnung bis über die Oder in die Lausitz hinein und nach Böhmen und der deutschen Ostkolonisation, wechselvoll das Ringen Schwedens und Polens bzw. der polnisch-litauischen Union um Einfluss und Macht im Baltikum und an der Ostsee, wechselvoll das über Jahrhunderte sich vollziehende Ringen um Vormacht und Gebietsgewinn in den Weiten des europäischen Ostens zwischen Polen und Russland. Der von Polen bei Zehden/Cedynia 972 über den brandenburgischen Markgrafen Hodo errungene Sieg (er sicherte den Anschluss eines erheblichen Teils Pommerns an den sich festigenden polnischen Königsstaat ) markiert diese Entwicklung ebenso wie der polnisch-litauisch-russische Sieg in der Schlacht von Tannenberg im Jahre 1410 über den Deutschritterorden oder die Vertreibung der polnischen Eroberer aus Moskau im Jahre 1613 durch das Heer Minins und Posharskijs.

Ohne in weitere Details gehen zu können, wollte ich lediglich darauf hinweisen, dass es in dieser langen Phase der Herausbildung und Entwicklung der europäischen Feudalstaaten zum Selbstverständnis aller gehörte, Macht und Einfluss durch wie auch immer sich bietende Gebietserweiterungen zu vergrößern. In diesem Sinne waren sie alle "Bösewichter", bei denen es zum "guten Ton" gehörte, dem Nachbarn abzunehmen, was immer ihm abzunehmen war. Polen unterschied sich darin nicht von Russland, Russland nicht von Ungarn, Ungarn nicht von staatlichen Gebilden deutscher Zunge, Schweden nicht vom Osmanischen Reich, um auch diese ausdrücklich einzubeziehen. Innere Wirren oder Schwächeperioden korrespondierten mit Gebietsverlust, innere Stabilisierungsphasen gingen in aller Regel mit expansiver Gebietserweiterung einher. Allen war "vom Schicksal auferlegt", um den Gedanken aufzugreifen, zwischen auf Gebietserweiterung bedachten Nachbarn zu leben und sich ihrer zu erwehren.

Einen tiefen Einschnitt in der polnischen Geschichte markiert das Ende des 18. Jahrhunderts. Vorausgegangen waren dem folgenschwere Veränderungen des politischen Kräfteverhältnisses in Europa, abzulesen an der grundlegenden Verlagerung der Machtschwerpunkte nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 -1648) (Aufstieg Frankreichs zur bestimmenden Hegemonialmacht Europas einerseits und deutliche Verstärkung der Machtpositionen Schwedens andererseits) sowie nach dem spanischen Erbfolgekrieg (1701 – 1713). Das anbrechende 18. Jahrhundert stellte machtpolitisch neue Weichen für die europäische Entwicklung – eine Neuverteilung der politischen Schwergewichte bahnte sich an und kennzeichnete schließlich das gesamte Jahrhundert: Russland (Peter I.) wird zur europäischen Großmacht, Preußen tritt mit nicht mehr zu übersehenden Ansprüchen als europäische Macht an, der direkte machtpolitische Einfluss Frankreichs (Konflikt mit England, nicht zuletzt in der Kolonialfrage) verringert sich zusehends und auch Österreichs Stern strahlt nicht mehr im einstigen Glanze.

Diese sich entwickelnde Konstellation hat für Polen nachhaltige Folgen. Zum Beginn des Jahrhunderts sowohl seiner Fläche ( ca. 800.000 km² von fast 1 Mio. km² noch zur Mitte des Jahrhunderts) als auch seiner Bevölkerungszahl (etwa 8 Millionen Einwohner, davon ca. 40% Polen) nach noch einer der zweifellos bedeutenden europäischen Staaten mit einer das gesamte kulturelle Klima Europas stark beeinflussenden Kultur, vollzogen sich im politischen Leben Polens im Vergleich zu seinen mächtigen Nachbarn gegensätzliche Entwicklungen. Beobachten wir in letzteren durch die Stärkung der absolutistischen Strukturen der Organisation des Staates und der Gesellschaft vorwiegend Konsolidierungs- und Stabilisierungsprozesse als Voraussetzung auch effektiverer außenpolitischer Wirkung (sprich: aggressiverer und "erfolgreicherer" Expansions- und Raubpolitik), nimmt die Schwäche der politischen Organisation des polnischen Staates spürbar zu. Die vormals "recht funktionstüchtige Adelsdemokratie (war) dem anarchistischen System der Magnatenoligarchie gewichen".

Die Einführung des Wahlkönigtums und die Stärkung des Adels durch die zwischen 1652 und 1764 in extenso erfolgende Anwendung des liberum veto eröffneten ausländischem Einfluss auf die Gestaltung der Geschicke des polnischen Staates Tür und Tor.

Als schließlich angesichts der drohenden Gefahren für Polen, wie sie sich aus den Zerfallsprozessen der Staatsgewalt ergaben, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im politischen Leben Polens verstärkt Forderungen nach grundlegenden Reformen des Staates laut wurden , verhärteten sich die Fronten zwischen unterschiedlichen Interessengruppen des Adels zusehends. Es bildeten sich organisierte Gruppierungen (z. B. die Konföderation von Bar) als politische Gegenpole zu dem anfangs von Russland unterstützten, sich aber dann von russischem Einfluss emanzipierenden polnischen König Stanisław August Poniatowski, die eine wirkliche Festigung der polnischen Staatlichkeit mit erbetener Hilfe der russischen Zarin zu verhindern wussten. Im Ergebnis der sich zuspitzenden innenpolitischen Situation waren es schließlich insbesondere die Aktivitäten des preußischen Königs Friedrichs II., der die gleichfalls an der Beschneidung polnischer Macht interessierten Monarchen Russlands und Österreichs von den "Vorteilen" einer vertraglich geregelten "Eingrenzung" des polnischen Staates zu überzeugen wusste. Wie so oft in der Geschichte unter einem eigentlich belanglosen Vorwand (angebliche Verletzung der Rechte und Freiheiten Andersgläubiger im polnischen Staat) wurde Polen 1772 gezwungen, einer vertraglichen Regelung über die Abtretung bedeutender Territorien an die Teilermächte Preußen, Russland und Österreich zuzustimmen. Mit dieser I. Teilung Polens rissen Preußen 36.000 km² mit 580.000 Einwohnern, Österreich 83.000 km² mit 2,65 Mio. Einwohnern und Russland 92.000 km² mit 1,3 Mio. Einwohnern an sich. Mit der folgenden II. (1793) und schließlich III. polnischen Teilung (1795) hörte Polen als selbständiger Staat zu existieren auf. Erst mit dem Entstehen der Polnischen Republik im November 1918 wurde die lange Zeit der Nichtexistenz eines unabhängigen polnischen Staates beendet.

Die 123 Jahre der gegen vielfältigen Widerstand gewaltsam erzwungenen Dreiteilung des polnischen Staates sind zweifellos die bedeutendste und folgenreichste Zeitspanne der neueren Geschichte unseres Nachbarlandes, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Herausbildung eines gemeinsamen nationalen Bewusstseins unter den Bedingungen des Fehlens staatlicher Organisation der polnischen Nation. In seiner vor wenigen Jahren erschienenen "Kleinen Geschichte Polens" verweist Rudolf Jaworski auf den Widerspruch, in dem sich Polen an der Schwelle des 19. Jahrhunderts zum allgemeinen Zug der Zeit befand: den Aufbruch Europas in das nationale Zeitalter markierte für Polen die schmerzliche Erfahrung des Verlustes der staatlichen Eigenständigkeit. „Dieses Paradox", unterstreicht er zu Recht, " kann gar nicht deutlich genug hervorgehoben werden, liefert es doch den Schlüssel für ein besseres Verständnis vieler Eigenheiten der neueren und neuesten Geschichte. Das so genannte Teilungstrauma sollte in diesem Land weit über das 19. Jahrhundert hinaus zum alles bestimmenden Ausgangspunkt politischen Denkens und Handelns werden. Auch der daraus resultierende Gegensatz von Staat und Gesellschaft in Polen hat hier seinen Ursprung. [...] Das 19. Jahrhundert dauerte in Polen eigentlich bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, als ein souveräner polnischer Staat wiedergegründet werden konnte.“

Diese "schmerzliche Erfahrung" schloss mehrere bewaffnete Aufstände ein, die von den Teilermächten, in erster Linie Russland, mit militärischer Gewalt grausam niedergeschlagen wurden, eingeschlossen darin ist die Erfahrung des Wirkens einer breiten Schicht patriotischer Intellektueller im Exil für den Fortbestand der polnischen Nation, es gehören dazu das erbitterte Ringen um die Bewahrung des nationalen Bewusstseins bis hin zur Sprache gegen intensive Russifizierungs- bzw. Germanisierungsversuche der Teilermächte, die enge Bindung der Bevölkerung über die Teilungsgrenzen hinweg an die katholische Kirche (gewissermaßen als institutionellen Ersatz für das verlorene Vaterland - auf den eigentümlichen Widerspruch "katholische Kirche" und "nationale Instanz" sei hier unter Hinweis auf die besondere Rolle der katholischen Kirche im politischen Leben Polens ganz besonders hingewiesen), das von Jaworski angesprochene ambivalente Verhältnis des polnischen Bürgers zum Staat einerseits und den Symbolen der Staatlichkeit andererseits. Genannt werden muss aber hier vor allem auch die aus dieser Erfahrung herrührende tiefe Abneigung, das Misstrauen und die, zumindest unterschwellig bis in die Gegenwart weiter wirkende, tief verinnerlichte Ablehnung gegenüber den Teilermächten und allem, was von ihnen ausgeht.

Zu erwähnen wären im Zusammenhang mit dem Teilungstrauma auch aus der Teilungserfahrung herrührende und bis in die Gegenwart hinein wirkende geistesgeschichtliche Phänomene, die aus meiner Sicht für das tiefere Verständnis vieler Erscheinungen der gegenwärtigen Entwicklung von Bedeutung sind. Ausdrücklich genannt sei hier die aus den Auseinandersetzungen mit dem durch die Teilungen dem polnischen Volk auferlegten Schicksal geborene Auffassung, der zu Folge der polnischen Nation eine besondere Rolle unter den Völkern Europas zukomme. Nicht nur, dass seit Jahrhunderten Polen dazu berufen sei, unter großen Opfern das christliche Abendland vor den Bedrohungen der unchristlichen/antichristlichen Barbarei (von der islamisch-osmanischen Bedrohung über die byzantinisch/russische Orthodoxie bis hin zu schlechtweg asiatischer Barbarei) zu schützen. Polen sei auch angesichts der für Andere auf sich genommenen Leiden prädestiniert, für die endgültige Befreiung der Menschheit eine herausgehobene, wenn nicht entscheidende Rolle zu spielen. Diese auf das Wirken von Adam Mickiewicz und Zygmunt Krasiński zurückgehende, unter dem Begriff des Messianismus bekannt gewordene Auffassung oder Geisteshaltung lebt, mal weniger, mal mehr unterschwellig, bis in die Gegenwart fort, genährt nicht zuletzt auch aus sehr gegenwärtigen Motiven.

2. Oktoberrevolution und Rigaer Frieden (März 1921)

Unter Verweis auf einen veröffentlichten Aufsatz zu den gegensätzlichen politischen und strategischen Konzeptionen von Piłsudski und Lenin, die dem als polnisch-sowjetischer Krieg 1919-1921 in die Geschichte eingegangenen militärischen Konflikt zu Grunde lagen , sei hier der Versuch unternommenen, in der gebotenen Kürze wesentliche Akzente zusammen zu fassen.

Mit der Erringung der Unabhängigkeit des polnischen Staates nach 123-jähriger Teilung (11.11.1918) übte Józef Piłsudski, direkt aus deutscher Festungshaft entlassen und in Warschau begeistert empfangen, das Amt des polnischen Staatschefs und Oberbefehlshabers der polnischen Streitkräfte aus.

Piłsudskis Auffassung von der Rolle Polens in Europa und den Möglichkeiten und Voraussetzungen für deren Realisierung, die im Übrigen zu Positionen konkurrierender politischer Kräfte, wie etwa der nationalen Demokraten um Roman Dmowski, in scharfem Gegensatz stand, kann in aller Kürze wie folgt umrissen werden: Von allen Nachbarn Polens, in erster Linie den Teilermächten, gehe von Russland die größte Gefahr für die Existenz eines unabhängigen Polen aus. Dessen Existenz sei über den unmittelbar nationalen Aspekt hinaus auch von Bedeutung, weil von allen im Russischen Reich unterdrückten Völkern nur allein die Polen in der Lage wären, wirkungsvoll gegen die Selbstherrschaft zu kämpfen und sich damit an die Spitze aller vom Zaren unterdrückten Nationen zu stellen. Diese Führungsrolle habe u. a. in der Rolle Polens zu Zeit der Polnisch-Litauischen Union als dominanter regionaler Macht des europäischen Ostens eine historische Begründung. Wenn daher in Zukunft Existenz und historisch begründbare Führungsrolle Polens gesichert werden sollten, ginge es um eine radikale Beschneidung der Einflussmöglichkeiten Russlands in der Region und die Ersetzung Russlands als der bisherigen Führungsmacht durch Polen. Es ginge ihm darum, erklärte Piłsudski 1920 ganz offen, die Uhr der Geschichte zurückzudrehen und eine große Polnische Republik entstehen zu lassen, als die stärkste militärische und kulturelle Macht des gesamten Ostens . Russland müsse auf die Grenzen des Reiches Peters des Großen zurückgeschnitten, alle nichtrussischen Nationalitäten aus dem unmittelbaren Einfluss Russlands befreit, die Grenzen des Jahres 1772 definitiv wiederhergestellt und eine funktionsfähige Föderation Polens, Litauens und der Ukraine geschaffen werden, um die sich weitere kleine Staaten vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer (eingeschlossen die kaukasischen Gebiete) gruppieren sollten.

Der folgenschwere militärische Konflikt ergab sich unvermeidbar aus dem scharfen Gegensatz, in dem sich die Konzeption Lenins und der in der Oktoberrevolution in Russland an die Macht gekommenen Bolschewiki zu dieser knapp skizzierten Linie Piłsudskis befand. Einerseits standen, zumindest in der Anfangsphase der revolutionären Umgestaltung Russlands, die Bolschewiki zu der von ihnen in ihrer Nationalitätenpolitik seit langem verfolgten Losung vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Dabei wurde in der Regel davon ausgegangen, dass die ehemals durch die russische Selbstherrschaft unterdrückten Nationen sich ebenfalls für die sozialistische Revolution und für den Zusammenschluss mit Sowjetrussland entscheiden werden. Wie andererseits das Beispiel Finnlands zeigte, gab es kein unbedingtes Junktim zwischen „Selbstbestimmung“ und Aufrechterhaltung der Bindungen zu einem sozial und politisch veränderten Russland. Dieser Standpunkt betraf auch die Haltung der Bolschewiki und der Regierung Sowjetrusslands zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit und Selbständigkeit Polens. Sie schloss bei aller Konsequenz der Verurteilung der Politik des russischen Zaren zur Vernichtung des polnischen Staates durch die Teilungspolitik nicht eo ipso die Anerkennung der Integrität und Unveränderbarkeit der Grenzen des polnischen Staates des Jahres 1772 ein, sondern bezog sich auf „ethnisch polnische Gebiete“. Die sowjetrussische Regierung ließ dem zu Folge nach dem Rückzug der Deutschen aus den von ihnen besetzten Gebieten Belorusslands und der Ukraine, wo sich ebenfalls entsprechende Sowjetrepubliken konstituierten, Einheiten der Roten Armee einrücken, was zu sofortigem Protest und militärischen Gegenaktionen Polens führte. Eine entsprechender polnischer Protest vom 22.12. 1918 gegen das Vorrücken sowjetischer Einheiten nach der Proklamation der Belorussischen, Litauischen und Ukrainischen Sowjetrepubliken "an die polnische Grenze" wurde tags darauf mit dem sowjetrussischen Hinweis zurückgewiesen, dass er gegenstandslos sei, befänden sich doch zwischen dem Standort sowjetrussischer Truppen und Polen weite Gebiete Belorusslands, Litauens und der Ukraine. Zu dieser Zeit waren in und um Paris die europäischen Mächte damit befasst, die Voraussetzungen für einen möglichst dauerhaften und die Interessen der siegreichen Großmächte sichernden Frieden nach dem gerade über die Mittelmächte errungenen Sieg zu schaffen. Im Gesamtkomplex der anstehenden Regelungen spielte auch die polnische Frage eine gewisse Rolle. Auf der Grundlage der Empfehlungen einer speziell mit den polnischen Angelegenheiten befassten Kommission beschloss der Rat der Entente schließlich am 8. 12.1919 eine folgenreiche Resolution über die polnische Ostgrenze. Ohne hier in den seit jener Zeit bis auf den heutigen Tag andauernden Streit über die Verbindlichkeit dieser Resolution einzugreifen, sei nur festgestellt, dass der Rat der Entente sich für eine Festlegung der Ostgrenze Polens nach ethnischen Gesichtspunkten und nicht entsprechend einem historischen Grenzverlauf aussprach.

Der in dieser Resolution detailliert beschriebene Verlauf einer künftigen polnischen Ostgrenze wurde als sog. Curzon-Linie, benannt nach dem seinerzeitigen britischen Außenminister, allgemein bekannt.

Die polnische Seite ihrerseits vertrat jedoch in laufenden Verhandlungen und in einem intensiven Notenwechsel mit der sowjetrussischen Seite konsequent eine den Intentionen von Józef Piłsudski entsprechende Position. Eine wichtige Zäsur bildeten schließlich am 11. 2. 1920 unterbreitete Vorschläge des polnischen Außenministeriums, die u.a. vorsahen:
  • Anerkennung der Unabhängigkeit der nationalen Staaten, die auf dem Gebiet des ehemaligen Russischen Reiches entstanden sind, durch die Regierung der RSFSR und Nichteinmischung in deren innere Angelegenheiten;
  • Liquidierung aller historischen Schäden, hervorgerufen durch die Beteiligung Russlands an den polnischen Teilungen, und Annullierung aller Folgen der Teilung seit 1772;
  • Verzicht auf die Propagierung der sowjetischen sozialen und politischen Doktrinen außerhalb der Grenzen der RSFSR;
  • Rückzug aller sowjetischen Armeeeinheiten vom Territorium Polens in den Grenzen von 1772;
  • Wiedergutmachung von Schäden für polnische Bürger im Gefolge des Rückzugs der russischen Armee 1914/1915, der russischen Revolution von 1917 und der nachfolgenden militärischen Aktivitäten.
Die sowjetrussische Seite betrachtete diese Vorschläge als „mehr als unannehmbar“, der sowjetrussische Außenminister Čičerin empfahl nach deren Kenntnisnahme Lenin, sich intensiv auf einen möglichen Angriff Polens vorzubereiten.

Es würde zu weit von dem hier gewählten Betrachtungswinkel wegführen, das militärische Auf und Ab der folgenden militärischen Auseinandersetzungen im Einzelnen nachzuzeichnen. Bekannt ist, dass die sowjetrussischen Truppen zunächst Erfolge erzielten, die nicht nur die polnische Seite, sondern auch die europäischen Großmächte in stärkstem Maße beunruhigten.

Auf ihrer Konferenz in Spa forderten vor diesem Hintergrund Großbritannien, Frankreich und Italien in einem dringlichen Beschluss vom 10.7.1920 Polen auf, der RSFSR Verhandlungen mit dem Ziel der sofortigen Beendigung der Kampfhandlungen anzubieten, wobei als Bedingungen die beiderseitige Anerkennung einer Grenzziehung auf der Grundlage der Vorschläge des Rates der Entente vom Dezember 1919, die Rückgabe von Vilnius an Litauen und eine Grenzziehung in Galizien nach dem Verlauf der Frontlinie am Tage des Waffenstillstandes vorgeschlagen wurden. Für den Fall der Ablehnung des Angebotes durch die RSFSR wird Polen die unmittelbare Hilfe der Westmächte zugesagt.

Tags darauf übermittelte im Auftrage der Konferenzteilnehmer der britische Außenminister Lord Curzon die später häufig unter seinem Namen zitierte Note, in der er Sowjetrussland auffordert, sofort den militärischen Vormarsch zu stoppen und einer Grenzziehung entsprechend dem Vorschlag des Rates der Entente vom Dezember 1919 zuzustimmen. Dies löste innerhalb der sowjetischen Führung eine heftige Diskussion aus, die schließlich, wie Lenin etwas später, nämlich in dem (erst 1992 im vollen Wortlaut veröffentlichten) Bericht an die IX. Parteikonferenz der RKP (B) am 22. September 1920, selbst einschätzte, einen "Wendepunkt der gesamten Politik der Sowjetmacht" darstellte.

Dieser „Wendepunkt“ besteht darin, dass sich im Laufe der von Lenin genannten heftigen Diskussion in der Führung der Bolschewiki die Befürworter der Ablehnung der Forderung Lord Curzons durchsetzten. Im Gegensatz zu der bisherigen Politik der sowjetrussischen Führung, die in und nach der Oktoberrevolution gegen erbitterte Widerstände innerer und äußerer Kräfte errungenen Positionen zu verteidigen und zu festigen, tritt ein altes Ziel der revolutionären Kräfte erneut in den Vordergrund: die Weltrevolution. Entsprechend einer vor allem von Leo Trotzki vertretenen Haltung, dass es vordringliche Aufgabe der russischen Revolution sei, gewissermaßen als Zündfunke der Weltrevolution zu fungieren, folgt die Mehrheit der Führung der Bolschewiki in dieser Situation einer Politik des Übergangs zur Offensive der Weltrevolution auch mit den scheinbar Erfolg verheißenden militärischen Mitteln. Eine völlige Fehleinschätzung der revolutionären Situation vor allem in Polen selbst, aber auch der „Revolutionsbereitschaft“ in Deutschland lagen dem zu Grunde. Lenins Traum, im Falle der Überwindung der Barriere in Gestalt eines antirevolutionären polnischen Staates gemeinsam mit der Revolution in Deutschland dem weltrevolutionären Ziel ein gewaltiges Stück näher kommen zu können, bestimmte angesichts einer auf den ersten Blick militärisch komfortablen Lage die am 17. 7.1920 erfolgende Ablehnung der Forderung der Westmächte.

Dass auch Polen dem unterbreiteten Vorschlag zu den genannten Bedingungen nicht zustimmte, liegt ungeachtet der schwierigen militärischen Lage (die Rote Armee näherte sich in schnellem Tempo Warschau) in der Konsequenz der Grundpositionen Piłsudskis.

Der nach der grundlegenden militärischen Wende („Wunder an der Weichsel“) und langwierigen Verhandlungen am 18.3.1921 geschlossene Rigaer Frieden wird in der Literatur häufig als Kompromissfrieden bezeichnet, der zu territorialen Regelungen führte, die beiden Seiten letztendlich missfielen. Die mit diesem Frieden vereinbarte polnisch-sowjetische Grenze blieb trotz eines erheblichen polnischen Gebietsgewinns (auch erheblich über die sog. Curzon-Linie hinaus) weit unterhalb der historischen Grenze von 1772. Obwohl die polnische Grenze knapp 50 km westlich von Minsk verlief, weite Teile der Ukraine zu Polen gehörten und auch erhebliche Territorien Litauens dem polnischen Staatsgebiet eingegliedert waren, konnte es in den grundsätzlichen Zielen der beiden Kontrahenten keinen Kompromiss geben. Piłsudskis Föderationspläne und Vision von Polen als Führungsmacht eines neu organisierten osteuropäischen Raumes waren so gründlich gescheitert wie Lenins weltrevolutionäre Ziele. Das Verhältnis zwischen Polen und der bereits kurz nach dem Rigaer Frieden gebildeten UdSSR gestaltete sich alles andere als gutnachbarschaftlich. Polen war in der Sicht der UdSSR trotz der erfolgten Regulierung des aktuellen Konfliktes ein vom kapitalistischen Westen als Bestandteil des cordon sanitaire geschaffenes Bollwerk, ein Hindernis auf dem Weg der sozialistischen Revolution nach Westen, ein Stützpfeiler der Stabilität des auf Bewahrung der Dominanz der westeuropäischen imperialistischen Mächte gerichteten Versailler Systems.

Aus der Sicht Polens verblieb die UdSSR in der Rolle des Fortsetzers der traditionellen russischen Polenpolitik, die Verweigerung der Anerkennung der Grenzen von 1772 und einer hegemonialen Rolle Polens in Osteuropa galt gewissermaßen als Beleg für die fortwirkende „antipolnische Politik“ Russlands und die Bedrohung der Existenz des polnischen Staates durch seinen östlichen Nachbarn. Daran änderten auch Versuche der Gestaltung einer pragmatischen Politik nichts, die in der Piłsudski-Formel einer „Politik des gleichen Abstandes“ Polens zu den bedrohlichen Nachbarn Deutschland und UdSSR ihren Ausdruck fanden. Der Abschluss von Nichtangriffsverträgen mit beiden Nachbarn Anfang der 30er Jahre änderte nichts an der Wertung des östlichen von beiden als des in erster Linie bedrohlichen. Die Folgen des Rigaer Friedens für die innere Entwicklung Polens als eines nun mit zahlenmäßig beachtlichen nationalen Minderheiten und sich daraus entwickelnden scharfen Konflikten konstituierten ethnisch inhomogenen Staates (über ein Drittel seiner Bevölkerung gehörten nationalen Minderheiten an) müssen hier aus Zeitgründen voll ausgeklammert bleiben.

3. Die UdSSR und Polen am Vorabend es zweiten Weltkrieges
(Polen und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt v. 23.8.1939)


Geht man der Frage nach, wo sich die Schwierigkeiten in dem polnisch-russischen Verhältnis, der unterschwellige Konflikt und die vor allem in der polnischen Öffentlichkeit dominante Ablehnung, das Misstrauen, die Furcht und auch die scheinbare Unversöhnlichkeit gegenüber Allem, was russisch ist und aus Russland kommt, herleiten, dann richtet sich der Blick notwendiger Weise auch auf die Zeit ab Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Sich diesem bekanntermaßen schwierigen Kapitel zuzuwenden, ist, worauf ich mit der Bitte um Nachsicht an dieser Stelle nochmals hinweisen muss, nicht nur angesichts des Gegenstandes selbst schwierig, sondern vor allem auch angesichts eines mittlerweile von einer ausgewogenen Betrachtung weitgehend abgehobenen Umgangs mit diesem Gegenstand sowohl in der Fachliteratur als auch in jenem Bereich, der in neuerer Zeit gern und häufig als „kollektives Gedächtnis“ bezeichnet wird. Tabus und Mythen haben sich entwickelt und verfestigt, denen mit dem Versuch differenzierter Darstellung schwer beizukommen ist. Ich stelle dies ganz ohne Wertung fest, beachtend, dass es sich um Vorgänge handelt, die aus polnischer Sicht nicht nur, da persönlich als schwere Verluste erfahren, in höchstem Masse emotionsgeladen sind, sondern auch eingebettet in Fragen des nationalen Selbstwertgefühls. Der Versuch differenzierter Darstellung gerät in diesem Kontext sehr schnell in den Verdacht ungerechtfertigter Schuldzuweisung oder der Relativierung historischer Schuld oder national-patriotischer Verdienste. Dieses liegt mir völlig fern. Allerdings liegt mir auch daran, meiner festen Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass ohne ein Hinterfragen verfestigter Tabus, ohne kritisches Fragen nach eigenen Anteilen am Zustandekommen historisch bedeutsamer Entscheidungen, auch solcher mit negativ empfundenen Folgen, was zunächst mit moralischen Kategorien wie Schuld, Versagen oder „Recht haben“ gar nichts zu tun hat, jeder Weg zu neuen Ufern auch im Verhältnis von Völkern und Nationen zueinander von vornherein versperrt ist. [Und hier sehe ich einen ganz wichtigen friedenspolitischen Aspekt der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Konflikten und Schwierigkeiten im Verhältnis von Ländern, Völkern oder Bevölkerungsgruppen allgemein.]

Zum Gegenstand selbst. In den späten 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bietet sich unserem Blick auf Europa das Bild einer außerordentlich komplizierten, um nicht zu sagen verworrenen, Lage. Faschistische, halbfaschistische, diktatorische, autokratische Bewegungen und Herrschaftsstrukturen signalisieren allenthalben eine tiefe Krise der Demokratie. Das Versailler System mit einem seiner Kernstücke, dem Völkerbund, ist angesichts der Zuspitzung von Konflikten, die in aggressive Akte hinüberwachsen, überfordert. Minderheitenkonflikte in vielen Staaten Europas bergen zunehmend Gefahren offener Konfrontationen in sich, es ist eine Um- und Neuverteilung der politischen Gewichte und Rangordnung, auch ausgetragen mit Mitteln der unverhüllten Drohung oder Anwendung von Gewalt, im Gange. Diesem Beziehungsgeflecht und sich daraus ergebenden potenziellen Gefährdungen oder auch Chancen sahen sich sowohl die UdSSR als auch Polen gegenüber.

Die Position Polens war keineswegs einfach. Abgesehen von inneren Problemen nach dem Tode Marschall Piłsudskis im Jahre 1935 war die außenpolitische Situation mehr als prekär. Zu allen Nachbarstaaten, außer Rumänien, sind die Beziehungen konfliktträchtig, vor allem territorialer Fragen wegen. Das Hauptaugenmerk widmet die polnische Außenpolitik naturgemäß den Beziehungen zu Deutschland und zur UdSSR. Letztere wird, wie bereits an anderer Stelle dargestellt, als der gefährlichere von beiden Nachbarn betrachtet. Die Regelungen des Rigaer Friedens, an die sich beide Partner offiziell seit über 10 Jahren hielten, werden, im Übrigen nicht nur aus polnischer Sicht, für ein Provisorium gehalten, wenn auch nicht auf offenem Markte. Als unumstößlich betrachtete die polnische Außenpolitik auch nach dem Tode Piłsudskis dessen These, dass im Falle eines Krieges mit dem östlichen Nachbarn Polen nicht auf die Unterstützung der Westmächte zählen könne, während im Konfliktfall mit Deutschland die Unterstützung Frankreichs sicher, die der Briten sehr wahrscheinlich sei. Daraus ergab sich das Streben der polnischen Politik, die UdSSR nach Möglichkeit von Europa zu isolieren (Außenminister Beck sprach von dem Bestreben, jedwedes Russland, egal, ob rot oder weiß, so weit wie möglich von Europa fern zu halten) und die Beziehungen zu dem östlichen Nachbarn vor allem unter dem Gesichtspunkt eines Druckmittels auf Deutschland bzw. die westlichen Hauptstädte zu gestalten.

Den aggressiven Aktivitäten Deutschlands (von der Rheinlandbesetzung über den Anschluss des Saargebietes und Österreichs bis hin zum Münchener Abkommen) stand Polen beunruhigt, jedoch ohne offiziellen Protest gegenüber. Im Zusammenhang mit dem Münchener Abkommen, das zwar vom Außenminister als eine Verletzung elementarer Grundsätze des Völkerrechts betrachtet wurde, forderte es ultimativ von der ČSR die Übergabe eines strittigen Gebietes (Teschener Schlesien) „mit zweifelsfrei überwiegend polnischer Bevölkerung“(die Betonung ethnischer Gegebenheiten als Begründung territorialer Ansprüche ist in diesem Zusammenhang zu unterstreichen). Die wehrlose, gerade um ein Drittel ihres Gebietes beraubte ČSR kann den Einmarsch polnischer Truppen in das 1000 km² große Gebiet, in dem 75.000 Polen den größeren Bevölkerungsanteil bilden, nicht verhindern.

Die Situation der UdSSR gestaltete sich Ende der 30er Jahre ebenfalls sehr kompliziert. Die innenpolitischen Verhältnisse unter den Bedingungen der Stalinschen Säuberungen und der Enthauptung der Roten Armee und der damit verbundenen drastische Verringerung der Verteidigungsfähigkeit des Landes müssen hier außerhalb einer detaillierteren Betrachtung bleiben. Es sei nur so viel angemerkt, dass sich Stalin mit der von ihm geprägten Formel der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande von der weltrevolutionären Mission der Oktoberrevolution weitestgehend verabschiedet hatte. Furcht vor außenpolitischer Isolierung und dem Heraufziehen einer Neuauflage bewaffneter Interventionen in welcher Form auch immer bestimmten das sowjetische außenpolitische Denken dieser Zeit. Hier einzuordnen sind auch die unter dem Stichwort „Rapallo“ bekannten Versuche der UdSSR, eine gegen das Versailler System und die Isolierungspolitik der Siegermächte des ersten Weltkrieges gerichtete Zusammenarbeit mit Deutschland zu entwickeln. Der Gedanke der kollektiven Sicherheit und damit der Einbeziehung der UdSSR in internationale Garantien gegen eine als besonders bedrohlich empfundene Aggressionsgefahr seitens der sich herausbildenden faschistischen Achse (Antikominternpakt) bestimmte spätestens seit Mitte der 30er Jahre die sowjetische Außenpolitik.

Das Münchener Abkommen musste für Moskau als Menetekel gelten: Durch eigenes Verschulden in eine militärisch prekäre Situation geraten, sah sich die UdSSR urplötzlich in der gefürchteten Lage fast völliger Isolierung. Die Westmächte hatten sich mit Hitlerdeutschland zu einem Aktionsbündnis, vorgeblich im Interesse der Friedenssicherung, zusammengetan, die UdSSR stand ohne wirksamen internationalen Beistand beiseite. Die These, ob damit wirklich ein bewusster Versuch der Westmächte unternommen worden war, den offensichtlichen Aggressionsdrang Hitlerdeutschlands in Richtung Osten zu kanalisieren, sei hier zunächst nicht weiter diskutiert, in der UdSSR jedenfalls gab es in dieser Hinsicht nicht ganz unberechtigte Befürchtungen. Sich aus dieser bedrohlichen Lage um jeden Preis heraus zu manövrieren wurde als eine vordringliche Aufgabe gesehen.

Erneut muss ich an dieser Stelle um Entschuldigung dafür bitten, auf heftige Kontroversen und viele für die historische Forschung noch offene Fragen, die Anlass zu zum Teil abenteuerlichen Spekulationen geben, nicht näher eingehen zu können. Es geht dabei um die Bewertung der sowjetischen Außenpolitik im Jahre 1939, ein in der Tat dramatisches Jahr. Über die eigentlichen Intentionen und Motive der verantwortlichen Funktionäre in Moskau muss dabei leider weitgehend spekuliert werden, es gibt wenig eindeutiges Quellenmaterial, die meisten Aussagen stützen sich auf Ableitungen, Vermutungen, Herleitungen aus Aussagen zweiter Hand, sehr viel frühere bzw. spätere Auftritte der Handelnden oder Zuhörerberichte usw. Das alles ist für um Analyse des Geschehens bemühte Historiker von großem Wert - muss aber eben doch mit dem Vorbehalt zur Kenntnis genommen werden, dass der Interpretationsspielraum sehr, sehr weit ist.

Vor diesem Hintergrund kurz etwas zu den Fakten: Die UdSSR war bemüht, sich in der gefährlichen Situation einer bedrohlichen Isolierung verschiedene Optionen offen zu halten . Sondierungen und Signale gab es dabei auch gegenüber Hitlerdeutschland, zunächst in handelspolitischen Fragen, auch mit der Absicht, auf diesem Weg nähere Erkenntnisse über die Pläne und Absichten Deutschlands zu erfahren. Gleichzeitig wurden mit Großbritannien und Frankreich angesichts der offenkundigen Aggressionsabsichten Deutschlands und der immer deutlicher zu Tage tretenden Bedrohung Polens Gespräche über ein Militärbündnis angestrebt und schließlich aufgenommen. Dass die britische Verhandlungsdelegation sich für die langsame Variante der Schiffsreise entschloss und an ihrer Spitze als Gesprächspartner für den sowjetischen Volkskommissar der Kommandeur der Marine-Basis Plymoth, Admiral Reginald Drax (im Übrigen ohne ausreichende schriftliche Verhandlungsvollmacht) stand, warf für die sowjetische Führung verständlicher Weise Fragen zu den Intentionen der Verhandlungspartner auf.

Zum Zeitpunkt der Verhandlungen war in Berlin der Entschluss zum militärischen Vorgehen gegen Polen bereits gefallen (am 11. April hatte Hitler die Direktive für den „Fall Weiß“ unterzeichnet), Deutschland war bestrebt, ein wirksames Militärbündnis zum Schutz Polens (und anderer potenzieller Opfer) mit allen Mitteln zu verhindern. Seine Avancen gegenüber der SU wurden im Sommer 1939 immer dringlicher, neben dem Angebot einer gegenseitigen Nichtangriffsverpflichtung wurde signalisiert, dass man sich selbstverständlich auch über weitergehende Fragen bis hin zum Abgleich und zur gegenseitigen Respektierung der beiderseitigen Interessen verständigen könne.

Wann genau Stalins Entscheidung gefallen ist, sich von den offen gehaltenen Optionen für die deutsche zu entscheiden , ist strittig, auf jeden Fall dürfte es um den 20. August herum gewesen sein. Vorausgegangen war dem ein neuer Akzent in den militärischen Gesprächen UdSSR/Großbritannien/Frankreich durch die dringliche Frage des sowjetischen Verhandlungsführers Woroschilow, ob denn Polen bereit sei, im Bündnisfall den Durchmarsch sowjetischer Truppen im Norden und Süden des Landes zum Zwecke der Aufnahme von Kampfhandlungen gegen die Einheiten des Aggressors zu gestatten.

Das Ergebnis der nachfolgenden Sondierungen der westlichen Verhandlungspartner beschreibt Paweł Wieczorkiewicz wie folgt:
„Die von den westlichen Verbündeten in Warschau über die Möglichkeiten der Annahme sowjetischer Hilfe geführten Konsultationen endeten, was zu erwarten war, mit einem vollständigen Fiasko. Beck bemerkte, dass Polen nicht wie ein lebloses Objekt behandelt werden und sein Territorium nicht Gegenstand von Verhandlungen Dritter sein könne. Den Vorschlag Woroschilows zurückweisend erklärte er gegenüber Noël: man verlangt von uns, dass wir die vierte Teilung Polens unterschreiben; wenn uns eine Teilung droht, werden wir uns wenigstens verteidigen. Niemand garantiert uns, dass die Russen, wenn sie sich erst in unserem Osten niedergelassen haben, auch wirklich an dem Krieg teilnehmen werden. Noch deutlicher, bezogen auf die neue Bedrohung, äußerte sich Marschall Śmigły: Seitens der Deutschen riskieren wir den Verlust unserer Unabhängigkeit, seitens der Russen verlieren wir unsere Seele.“

Damit waren die Militärverhandlungen, die aus sowjetischer Sicht mit dem Ziel geführt worden waren, über unverbindliche Garantieerklärungen hinaus, die sich im Falle des Münchener Abkommens als unwirksam erwiesen hatten, zu konkreten militärischen Verpflichtungen zu kommen, in einer Sackgasse – die Dreierbündnisoption gegen eine mögliche Aggression des faschistischen Deutschland wurde seitens der UdSSR-Führung fallen gelassen. Sie entschied sich in dieser Situation für die Option des Eingehens auf die Avancen des zum Überfall auf Polen sichtlich entschlossenen deutschen Partners. Dass das Verhalten Polens die in der sowjetischen Führung vorhandenen Aversionen und Animositäten erheblich verstärkten, kann als wahrscheinlich angenommen werden.

Am 23. 8. 1939 wurde schließlich der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag von den Außenministern Ribbentrop und Molotow in Moskau unterzeichnet. Zugleich unterzeichneten beide ein geheimes Zusatzprotokoll über die gegenseitige Abgrenzung ihrer "Interessensphären", dessen Inhalt als bekannt vorausgesetzt werden kann. Eine ausführliche Wertung beider Dokumente überfordert den hier gesetzten Blickwinkel des polnisch-russischen Verhältnisses. Unter diesem ist zu konstatieren, dass mit beiden Dokumenten schwerwiegende, ja dramatische Folgen für Polen verbunden waren. Hitler sah ein letztes Hindernis für die Realisierung der seit langem beschlossenen Liquidierung des polnischen Staates überwunden, die französische und britische Garantieerklärung für Polen hielten ihn nicht von dem geplanten Überfall ab. Die polnische militärische Gegenwehr brach angesichts der vollen Konzentration der deutschen Kräfte in kurzer Zeit zusammen, die polnische Staatsführung musste zunächst die Hauptstadt Warschau und bereits kurz darauf das Land verlassen. Am 17.9.1939 wurde der polnische Botschafter in Moskau in das Außenministerium bestellt. In der ihm bekannt gegebenen Note erklärte die sowjetische Regierung, dass aus ihrer Sicht der polnische Staat und die polnische Regierung faktisch zu bestehen aufgehört hätten, alle zwischen der UdSSR und Polen geschlossenen Verträge hätten damit ihre Gültigkeit verloren. Die Sowjetregierung könne sich jedoch nicht gegenüber dem Schicksal der in Polen lebenden Ukrainer und Belorussen gleichgültig verhalten, sie habe daher beschlossen, dem Kommando der Roten Armee den Befehl zu geben, die Grenze zu überschreiten und das Leben und Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westbelorusslands unter ihren Schutz zu stellen. Gleichzeitig sei die sowjetische Regierung entschlossen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um das polnische Volk von dem unglückseligen Krieg zu befreien, in den es durch unvernünftige Führer hineingezogen wurde, und ihm die Möglichkeiten für ein friedliches Leben zu geben.

Die sowjetischen Truppen rückten bis zu der in dem geheimen Zusatzprotokoll beschriebenen Grenze der beiderseitigen Interessensphäre in Polen (es handelt sich im Wesentlichen um die bereits in der weiter oben genannten Curzon-Note beschriebene ethnische Grenzlinie) vor, die in Besitz genommenen Gebiete wurden in die UdSSR inkorporiert.

Welche Motive der sowjetischen Führung um Stalin und Molotow auch immer zu diesem Ergebnis geführt haben, die geheimen Zusatzvereinbarungen zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt waren in keinem Fall mit gültigen Völkerrechtsnormen und üblichen Verfahren auch dieser Zeit vereinbar. Die gewaltsame Vertreibung einer Regierung, wie auch immer man diese bewertet, mit dem Aufhören der Existenz eines Staates gleich zu setzen, ist eine absolut unzulässige Verfahrensweise. Auch alle Hinweise darauf, dass damit der unter dem Druck militärischer Gewalt zu Stande gekommene Rigaer Frieden im Sinne einer Position der Entente (Curzon-Note) korrigiert wurde, können das Vorgehen der UdSSR nicht rechtfertigen. Es war ein dem Gebot der Achtung der Integrität von Staaten widersprechender Akt der Gewalt. Die bereits wenige Tage nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen (7.9.39) von Dimitroff in seinem Tagebuch festgehaltene Äußerung Stalins in kleinem Kreise, der zu Folge Polen ein faschistischer Staat sei, der Ukrainer, Weißrussen usw. knechtet und dass "die Vernichtung dieses Staates unter den gegenwärtigen Bedingungen einen bourgeoisen faschistischen Staat weniger bedeuten" würde , belegt die feindselige Stellung der sowjetischen Führung gegenüber dem damaligen polnischen Staat ebenso wie die von Molotow in seiner Rede vor dem Obersten Sowjet am 31.10.1939 zur Begründung des am 28.9.1939 abgeschlossenen deutsch-sowjetischen Vertrages über Freundschaft und die Grenze zwischen der UdSSR und Deutschland ausgedrückte Genugtuung über das Verschwinden Polens als eines "missgestalteten Geschöpf(es) des Versailler Vertrages". Diese "vierte Teilung Polens", die Behandlung Polens als einer Verhandlungsmasse zwischen mächtigen Nachbarn, ist eine sehr schwere historische Hypothek, die auf den polnisch-russischen Beziehungen bis in die Gegenwart lastet. Und verständlicher Weise den Blickwinkel auf diese in Polen stark beeinflusst, Nüchternheit und emotionslose Sachlichkeit bei der Darstellung der Geschichte im Einzelnen und in der Reflexion im gesellschaftlichen Bewusstsein stark in den Hintergrund drängt – und auch tendenziöse Falschdarstellungen an Raum gewinnen lässt.

4. Konflikte und Probleme der Beziehungen Polen – UdSSR im zweiten Weltkrieg

Es wäre mehr als ein Tagesprogramm, die Eigenheiten der im September 1939 in den Beziehungen Polen – UdSSR entstandenen Situation in all ihren Facetten ausleuchten zu wollen, was allerdings für tieferes Verständnis der daraus resultierenden Schwierigkeiten durchaus von Vorteil wäre. Lassen Sie mich statt dessen nur wenige Stichworte anführen, die allein durch ihre Nennung die komplizierte Situation verdeutlichen.

Aus sowjetischer Sicht war klar, dass es zum polnischen Staat überhaupt keine irgendwie geartete Beziehungen gab, da dieser, wie erläutert, angeblich zu existieren aufgehört hatte. Erst mit dem Überfall des faschistischen Deutschland auf die UdSSR 1941 stellte sich die Frage für die SU neu. In welchem Zustand sich aus polnischer Sicht die Beziehungen zur UdSSR befanden, war zunächst unklar. Nach einer kurzen Zeit der Selbstverständigung, auch im Zuge der schrittweisen Konstituierung der Exilorgane weiter bestehender polnischer Staatlichkeit, einigte man sich alsdann auf die Formel, dass sich Polen de facto im Kriegszustand mit der UdSSR befinde. Im Sommer 1941 wurden die Beziehungen wieder hergestellt, die sowjetische Regierung erklärte die Annullierung der deutsch-sowjetischen Verträge von 1939, diplomatische Beziehungen wurden hergestellt und am 14.8.1941 schließlich ein polnisch sowjetisches Militärabkommen unterzeichnet. Bereits im Frühjahr 1943 erfolgte allerdings erneut der Abbruch der Beziehungen zur polnischen Exilregierung im Zusammenhang mit der unter der Bezeichnung "Katyń" bekannt gewordenen Ermordung polnischer Offiziere in der UdSSR im Jahre 1940. Trotz des intensiven Drängens vor allem der britischen Regierung auf die polnische Exilregierung, im Interesse der militärischen Zusammenarbeit der Alliierten ihre Beziehungen zur UdSSR zu normalisieren, gab es in dieser Hinsicht keine Fortschritte, da sich die polnische Regierung nicht in der Lage sah, die von Stalin kategorisch erhobene und von Churchill und Roosevelt vorbehaltlos unterstützte Forderung nach Festlegung der künftigen sowjetisch-polnischen Grenze entsprechend den seinerzeitigen Entente-Vorschlägen (Curzon-Linie) zu akzeptieren. Offiziell betrachtete die Londoner Regierung Polens die UdSSR als "Verbündeten unserer Verbündeten", in Polen selbst war bis hinein in die Führung der Armia Krajowa (Landesarmee) die Formel von den "zwei Feinden" nicht überwunden, der zu Folge die die faschistischen deutschen Truppen aus Polen vertreibende Rote Armee nicht als verbündete, sondern als gegnerische Armee betrachtet wurde.

Zu den zu nennenden Stichworten gehört der Hinweis auf die sog. Anders-Armee in der UdSSR. Es handelte sich um 1941/42 auf der Grundlage der genannten Vereinbarungen in der UdSSR aus dort lebenden polnischen Bürgern aufgestellte und ausgerüstete militärische Einheiten, die aus sowjetischer Sicht unter sowjetischem Oberkommando an der Front eingesetzt werden sollten. Im wesentlichen politische Querelen führten dazu, dass diese Armee (etwa 80.000 Militärangehörige und etwa 30.000 Zivilpersonen) in der für die UdSSR schwierigsten militärischen Situation (Sommer 1942) in Richtung Iran die Sowjetunion verließen und alsdann im Mittleren Osten in Koordination mit der britischen Militärführung an Kampfhandlungen teilnahm.

Zwei Problemkreise sind in diesem Zusammenhang jedoch nicht nur stichwortartig zu behandeln.

Erstens geht es um den unter dem Begriff "Katyń" allgemein bekannten Komplex, der in der Literatur umfassend behandelt ist. Ausgangspunkt ist die bereits kurz erwähnte Inbesitznahme und Inkorporation polnischer Ostgebiete durch die und in die UdSSR 1939. Mit den in Besitz genommenen Gebieten fielen erhebliche Teile der polnischen Armee (etwa 250.000 Offiziere und Soldaten) in die Hände der sowjetischen Administration. Die sowjetischen Behörden unter maßgeblicher Beteiligung des NKWD und des militärischen Geheimdienstes gingen rigoros daran, in den neu gewonnenen Gebieten nach den in den 30er Jahren in der gesamten UdSSR entwickelten und extensiv angewandten Maßstäben "feindlichen Elementen" (Kulaken, angebliche Spione, "Volksfeinde" nach den geradezu pathologischen Kriterien Stalins und seiner Umgebung), um es euphemistisch zu formulieren, jegliche Wirkungsmöglichkeit zu entziehen. Dies wurde besonders intensiv in den ehemals polnischen Ostgebieten praktiziert, da deren "Säuberung" von den vorgeblich "feindlichen Elementen" auch unter dem militärischen Gesichtspunkt einer möglichen Konfrontation mit dem nun unmittelbaren Nachbarn Hitlerdeutschland einen hohen Stellenwert erhielt. "Spontane Abrechnung" mit den ehemaligen "Ausbeutern und Bedrückern der nationalen Minderheiten", massenhafte Deportation von polnischen Bewohnern der inkorporierten Gebiete (die Zahlenangaben schwanken stark) und willkürliche Inhaftierung fanden flächendeckend statt. Die Behandlung der Angehörigen der polnischen Armeeeinheiten war ein Spezialfall. Die Soldaten wurden in Internierungslagern festgehalten (und 1941, wie es offiziell hieß , amnestiert), die Offiziere in speziellen Lagern zusammengefasst und langwierigen Verhören unterzogen. Die sowjetische Führung beschloss schließlich im März 1940, die Insassen der Offizierslager zu erschießen. Bis auf wenige Hundert Ausnahmen wurde dieser Beschluss in voller Geheimhaltung durchgeführt, die Leichen der Ermordeten in Massengräbern an verschiedenen Orten vergraben. Die Zahl der Opfer dieses Verbrechens ist nicht ganz genau bekannt, Gerd Kaiser gibt sie in seiner neueste Quellen auswertenden Publikation von 2002 mit ca. 25.000 an. Zu den Motiven für dieses Verbrechen lassen sich, gestützt auf die Quellen, wenig gesicherte Angaben machen. Einer Notiz Berijas, seinerzeit Volkskommissar für Innere Angelegenheiten (NKWD), vom März 1940 zu Folge wurde dem Politbüro vorgeschlagen, für 14.700 Insassen der Gefangenenlager für Offiziere und 11.000 Inhaftierte in den Gefängnissen der westlichen Gebiete der Ukraine und Belorusslands, allesamt "eingefleischte und unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht", in einem Sonderverfahren (ohne persönliche Beschuldigung und Anhörung der Arrestanten) die Höchststrafe anzuwenden – die Erschießung. Es kann jedoch wohl mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass entsprechend der Stalinschen Auffassung von Klassenkampf und Klassenfeinden es das Ziel der beschlossenen Liquidierung des in sowjetische Gefangenschaft geratenen Teils des polnischen Offizierskorps und der Vertreter der polnischen "herrschenden Klasse" ( besitzende Schichten und Funktionseliten) war, Träger des nationalen Gedankens und damit potenzielle Führungskräfte eines antisowjetischen bzw. antikommunistischen Widerstandes auszuschalten. Soweit es die Bewohner der in Besitz genommenen westukrainischen und westbelorussischen Gebiete betraf, wurde in exzessiver Weise eine Entwicklung nachvollzogen, wie sie sich über einen längeren Zeitraum hinweg seit der Oktoberrevolution in verschiedenen Wellen in den anderen Gebieten der UdSSR bereits vollzogen hatte. Was den Umgang mit dem Komplex Katyń und seine fortdauernden Wirkungen für die Belastung des polnisch-russischen Verhältnisses in besonderem Maße charakterisiert, sind nicht nur die Versuche der politischen Instrumentalisierung dieser abscheulichen Mordtat nach ihrer Entdeckung 1943, in erster Linie sowohl durch die deutsche als auch die sowjetische Seite, sondern auch der zynische Umgang mit der Wahrheit und Versuche der verantwortlichen Politiker der UdSSR bis hin zu Gorbatschow, Ausmaß und Verantwortlichkeiten für dieses Verbrechen durch Geheimhaltung, falsche Anschuldigungen, Vertuschung und sonstige meist durchsichtige Manöver nicht sichtbar werden zu lassen. Wie sehr dies alles nachwirkt und zu einer schweren Belastung der Beziehungen zwischen Russland und Polen geworden ist, belegt der aus Anlass des 65. Jahrestages des Verbrechens von Katyń gefasste Beschluss des polnischen Sejm vom 22. 3. 2005.

Zweitens kommt man nicht umhin, bei dem Blick auf aus der Zeit des zweiten Weltkrieges resultierende Faktoren für die Spannungen in den Beziehungen Polen – Russland dem Warschauer Aufstand vom August/September 1944 besondere Beachtung zu schenken. Vorweg sei mir zur Einstimmung in die komplizierte Problemlage gestattet, einige wenige Stimmen zum Warschauer Aufstand zu zitieren: Aus einem Artikel des bekannten polnischen Intellektuellen Stefan Kisielewski aus dem September 1945 (!) stammt die Einschätzung:
"Der Warschauer Aufstand war politisch ein Fehler, militärisch Unsinn und psychologisch eine Notwendigkeit"
"Es gibt keinen Zweifel, dass die Entscheidung über den Beginn des Warschauer Aufstandes in den Augen der Polen der tragischste Fehler in der neuesten polnischen Geschichte ist. Aus den edelsten Motiven wurde sie von Menschen getroffen, die seit Anfang des Krieges aufopferungsvoll gegen alle aufeinander folgenden Angreifer für die Unabhängigkeit des Vaterlandes gekämpft haben . Dessen ungeachtet hat sie sich als verhängnisvoll für die Sache, der sie dienen sollte, erwiesen. …Aus auf der Hand liegenden Gründen hatte der Aufstand keine große Chance für eine erfolgreiche Beendigung. Die Wahl des Zeitpunktes sowie die taktischen Voraussetzungen erwiesen sich als beklagenswert unzutreffend. Die politischen Ziele waren im Grunde genommen unrealistisch…Die Überzeugung, dass die Westmächte sich in irgendeinem wichtigeren Konflikt mit dem sowjetischen Verbündeten für die Seite der Polen aussprechen würden, waren, vorsichtig ausgedrückt, unbegründet. Insofern eröffneten schöne Ideale und weißglühende Emotionen den Weg in die Katastrophe."
(Norman Davies: Boże igrzysko. Kraków 1991 [ursprüngliche engl. Fassung 1981]

"Der Warschauer Aufstand war ein grandioser bewaffneter Start, der alle Erwartungen übertraf, die Entscheidung über seinen Beginn – obwohl natürlich risikobehaftet – war weder leichtfertig und noch weniger verbrecherisch." (Norman Davies: Powstanie '44, Warszawa 2004)

Die beiden zuletzt zitierten Passagen, vom selben Autor in einem Abstand von 23 Jahren als Einschätzung gegeben, machen in besonderem Maße deutlich, wie schwierig die Materie selbst und wie groß die Versuchung ist, dem Ereignis vor jeweils verschiedenem Hintergrund andere Deutungen zu Teil werden zu lassen.

Zum Hintergrund des Warschauer Aufstandes selbst:

Zum Zeitpunkt des Beginns der Vertreibung der deutschen Okkupanten aus Polen gab es wegen unüberwindlicher Meinungsverschiedenheiten zwischen der Londoner Exilregierung und der sowjetischen Führung über die künftige polnisch-sowjetische Grenze keinerlei offizielle Beziehungen, andererseits war diese Frage zwischen der UdSSR, Großbritannien und USA spätestens seit Teheran 1943 so gut wie endgültig geklärt.

Die polnische Seite hatte nach Formierung ihrer politischen Untergrundstrukturen im Lande und der Armia Krajowa auf einen kurzzeitig angedachten Plan eines allgemeinen Aufstandes gegen die deutsche Besatzungsmacht verzichtet und sich zur sog. Aktion "Burza" (Gewitter) entschlossen. Danach sollten jeweils kurz vor dem Eintreffen von Verbänden der Roten Armee militärische Aktionen gegen die in Abwehrkämpfe verwickelten deutschen Einheiten durchgeführt werden, die den die Autorität der Londoner Exilregierung anerkennenden lokalen politischen und militärischen Repräsentanten die Möglichkeit geben sollten, die in die jeweiligen Städte einrückenden Einheiten der Roten Armee als legitime Hausherren dortselbst zu empfangen. Angebote eines eigenständigen militärischen Zusammenwirkens sollten unterbreitet werden können, administrative und andere Entscheidungen wären jedoch in jedem Falle von den polnischen Organen zu treffen und sollten vom sowjetischen Militär respektiert werden. Von voraussehbaren Konflikten erwartete man günstige Wirkungen auf das Aufbrechen von Konflikten unter den Alliierten. Nach drei Versuchen der Realisierung dieses Planes wurde er de facto aufgegeben, da die sowjetische Militärführung die polnischen Einheiten kurzerhand entwaffnete, da sie es nicht für angemessen hielt, im unmittelbaren Hinterland der Front militärische Einheiten ohne deren Einbindung in gemeinsame taktische oder strategische Operationen zu dulden. Es kann davon ausgegangen werden, dass der sowjetischen Führung die Londoner Direktiven, in den von der Roten Armee eingenommenen Gebieten neben den an die Öffentlichkeit getretenen Einheiten politische und militärische Strukturen im Untergrund aufrecht zu erhalten, bekannt waren.

Die sowjetische Seite fühlte sich angesichts dieser Situation bestärkt, die ziemlich offen gezeigte feindliche Haltung der Londoner Regierung und ihrer Repräsentanten im Lande durch die Schaffung kooperationsbereiter polnischer Administrationsorgane auszumanövrieren. Aus Vertretern der polnischen Emigration in der UdSSR wurde demzufolge am 22.7.1944 in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Überschreiten der polnischen Grenze durch die Rote Armee das Polnische Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN) ins Leben gerufen, mit dem entsprechende Vereinbarungen über das Zusammenwirken der militärischen Kampfverbände mit unter Verantwortung des Komitees zu schaffenden zivilen Verwaltungsorganen in Polen abgeschlossen wurden.

Angesichts dieser Ende Juli 1944 neu entstandenen Situation wurde seitens der Londoner Exilregierung und der ihr untergeordneten militärischen und zivilen Strukturen im Lande selbst für die polnische Hauptstadt jedoch versucht, den Plan "Burza" (also die Schaffung polnischer Vertretungsorgane der Londoner Exilregierung or dem Einrücken sowjetischer Truppen) auf jeden Fall zu realisieren. Von Anhängern aller politischen Lager wird bis heute ziemlich einheitlich eingeschätzt, dass der vor diesem politischen Hintergrund geplante Warschauer Aufstand militärisch zwar gegen die deutschen Okkupanten, politisch aber eindeutig gegen die UdSSR gerichtet war. Hieraus resultiert einer der Hauptgründe für das Scheitern des Aufstandes: die absolut fehlende Koordinierung der militärischen Aktionen mit den auf Warschau vorrückenden sowjetischen Streitkräften. Selbst nachdem britischen Partnern vorgetragene Gesuche um Hilfe von ihnen als nicht machbar abgelehnt und die Londoner Exilregierung dringlich auf die angeratene Kontaktaufnahme mit der sowjetischen militärischen Führung verwiesen wurde, fand diese nicht statt. Die Auslösung des Aufstandes durch die AK-Führung in Warschau, die von einer 12-Stunden-Frist für die Installierung ihrer Machtorgane vor dem Eintreffen der Roten Armee ausging, erfolgte in Unkenntnis der Lage an der sowjetisch-deutschen Front und auf der Grundlage nicht einmal überprüfter Spekulationen über das Kampfgeschehen . Insbesondere war nicht bekannt (und es wurde dies auch nicht ins Kalkül gezogen), dass der sowjetischen Vorstoß auf Warschau durch herangeführte deutsche Reserven in einer großen Panzerschlacht aufgehalten werden konnte. Als der Befehl zum Aufstand am 1. 8.1944 gegeben wurde (im Übrigen gegen schwere Bedenken innerhalb der AK-Führung selbst), war bereits klar, dass die sowjetische Offensive, deren Ziel ohnehin nicht ein Frontalangriff auf Warschau, sondern eine weite Zangenoperation war, weit im Vorfeld von Warschau stecken geblieben war.

Aus dieser Situation heraus ist die bis heute den überwiegenden Teil der polnischen Literatur beherrschende und von dort auch weitestgehend in deutsche Betrachtungen zum Warschauer Aufstand übernommene Falschdarstellung entstanden, dass Stalin seine Truppen vor Warschau absichtlich gestoppt habe, um die ihm ganz und gar nicht sympathische, ja feindliche polnische Widerstandsbewegung durch die Deutschen ausschalten und vernichten zu lassen und so sehr viel leichter ein ihm genehmes und von ihm abhängiges Regime in Polen errichten zu können. Dass Letzteres tatsächlich eintrat, hat nichts mit einem im Übrigen auch quellenmäßig nicht zu belegenden diabolischen Verhalten Stalins zu tun, sondern ist eine direkte Folge einer aus politischen Gründen getroffenen tragischen und folgenschweren Fehlentscheidung von Militärs, die die Katastrophe des Aufstandes unausweichlich werden ließ. Das mindert nicht den Heroismus der Kämpfer und der sie einmütig unterstützenden Zivilbevölkerung, die die politischen Hintergründe nicht kannten. Gegen die die letztendlich unverantwortliche Fehlentscheidung in zynischer Weise überdeckende These von der Verantwortung Stalins und damit Russlands für die unermesslichen Opfer des fehlgeschlagenen Aufstandes sprechen nicht nur die Zeugnisse der unmittelbar beteiligten polnischen, deutschen und sowjetischen Militärs, sondern auch der gesamte weitere Verlauf des militärischen Geschehens – dazu gehört die Tatsache, dass die angeblich tatenlos zusehende Rote Armee allein im Zeitraum zwischen 1. und 15.8.1944 Verluste in Höhe von 166.808 Toten und Verwundeten hatte . Auch wäre die Frage zu stellen, weshalb die nächste Offensive der Roten Armee, der auch aus gewichtigen politischen Gründen an schnellst- und weitestmöglichem Vordringen nach Westen gelegen war, erst im Januar 1945 begann. Ein Abwarten von der Kapitulation der Aufständischen am 4.10.1944 bis zur dann erfolgenden Befreiung Warschaus am 17.1.1945 aus anderen als militärischen Gründen erschiene mehr als sinnlos. Es bleibt jedoch zu konstatieren, dass die These vom absichtlichen Anhalten der Offensive der Roten Armee durch Stalin aus den genannten Gründen zum nicht mehr hinterfragten Tabu geworden ist, woraus sich die nachhaltige Bedeutung des Komplexes Warschauer Aufstand als eine der ganz schweren Belastungen des Verhältnisses Polen – Russland ergibt. Die Belastung des "russischen Schuldkontos" mit dem völligen politischen Fiasko der polnischen Exilregierung in London, der totalen Zerstörung der Hauptstadt Warschau und mit den über 200.000 Opfern des heroischen Kampfes der Aufständischen und der barbarischen Rache der deutschen Okkupanten, begleitet von einer kaum noch nachzuvollziehenden Abwertung der Rolle der UdSSR und ihrer Armee bei der Befreiung Polens von der deutsch-faschistischen Okkupation und der in ihrem Gefolge drohenden Vernichtung der physischen Existenz des polnischen Volkes werden in der russischen Öffentlichkeit mit verständlicher Verbitterung zur Kenntnis genommen und erschweren die für beide Seiten wünschenswerte Überwindung des gegenseitigen Misstrauens, der Vorbehalte und der immer wieder auch öffentlich artikulierten Bekundungen unversöhnlicher Gegnerschaft, ja Feindschaft in erheblichem Maße.

Aus zeitlichen Gründen beende ich hier den Versuch, einen skizzenhaften Überblick über historische Ursachen und Hintergründe der oft unverständlichen und andererseits scheinbar allgegenwärtigen Spannungen im polnisch-russischen Verhältnis zu zeichnen. Entwicklungen der Nachkriegszeit müssen daher bedauerlicher Weise ausgeblendet werden. Ich halte dies allerdings auch für vertretbar, da sie, obwohl in den Debatten der jüngsten Zeit über die Maßen strapaziert, von, wie mir scheint, weitaus geringerem Gewicht sind im Vergleich zu denen, die ich in den Mittelpunkt der bisherigen Schilderungen eines langen historischen Prozesses gestellt habe.

* Prof. Dr. Eckart Mehls, Berlin, Historiker.
Das Manuskript beruht auf einem Vortrag beim Friedesnpolitischen Ratschlag 3./4. Dezember 2005 in Kassel, Universität.



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