Ostermärsche im ganzen Land, 24.03.2008 (Friedensratschlag)
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Trotz Schnee und Regen: Ostermärsche im ganzen Land

"Truppen raus aus Afghanistan!" war die meist gehörte Forderung. Es ging aber auch um Irak, um den Nahen Osten, die EU und die NATO. Ein Zwischenstand

Im Folgenden dokumentieren wir eine Reihe von Artikeln und Agenturmeldungen über die Ostermärsche 2008 - noch vor deren Abschluss am Ostermontag.
Weitere Berichte folgen später.



Auftakt der Ostermärsche gegen Krieg und Zerstörung

Mit Mahnwachen und Kundgebungen haben am Donnerstagnachmittag (20. März) die ersten Ostermärsche in Deutschland begonnen. Neben Auftaktveranstaltungen in Erfurt und Suhl waren nach Angaben der Organisatoren auch Aktionen in Heidelberg, Tübingen, Gammertingen und Berlin geplant. Im Mittelpunkt der diesjährigen Ostermärsche steht die Forderung nach einem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Bis Montag stehen laut dem zentralen Ostermarschbüro in Frankfurt am Main bundesweit mehr als 70 Aktionen an.

In Erfurt versammelten sich am Nachmittag bei kaltem Wetter mehr als 200 Menschen zu einer Friedenskundgebung, um gegen die Verlängerung des Bundeswehrmandats in Afghanistan zu protestieren. «Die Nachricht war, dass wir uns als Teil der Friedensbewegung verstehen», sagte die Bundestagsabgeordnete Cornelia Hirsch von der Linkspartei, die zusammen mit Vertretern der IG Bauen-Agrar-Umwelt und der Thüringer Friedensinitiative bei der einstündigen Veranstaltung als Rednerin auftrat.

«Das Wetter ist äußerst miserabel»

In Heidelberg kamen rund 40 Teilnehmer zu einer 24-stündigen Mahnwache vor dem Hauptquartier der US-Streitkräfte zusammen. Auch US-Veteranen des Vietnamkriegs und des Irakkriegs seien bei der Auftaktkundgebung dabei gewesen, sagte Joachim Guilliard vom Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg. «Das Wetter ist äußerst miserabel, aber wir sind hier.» Neben Afghanistan und Irak ist auch der Nahostkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern ein zentrales Thema der Ostermärsche in diesem Jahr.

Die weitaus meisten Märsche finden am Wochenende statt. Einer der größten ist traditionell der Ostermarsch am Sonntag gegen die Nutzung der Wittstocker Heide nördlich von Berlin als «Bombodrom», also als Trainingsplatz für Bombenabwürfe.

Die Ostermarschbewegung wird in diesem Jahr 50 Jahre alt: 1958 zogen vier Tage lang Tausende Atomwaffengegner von London aus zum Atomforschungszentrum Aldermaston. In Deutschland erlebte die Bewegung in den 60er Jahren einen ersten Höhepunkt, 1968 wurden bundesweit 300.000 Teilnehmer gezählt. Auch zu Beginn des Irak-Krieges vor fünf Jahren versammelten sich mehrere 100.000 Menschen zu Protestmärschen. Im vergangenen Jahr waren es dagegen insgesamt nur noch einige zehntausend Demonstranten.

AP, 20. März 2008


Ostermarschauftakt im Regen

Proteste gegen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und Besatzung des Irak

Von Reimar Paul


Mit Mahnwachen und Kundgebungen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Thüringen haben am Donnerstag und Freitag die Ostermärsche begonnen. Protestaktionen gegen den Krieg gab es in Karlsruhe, Gammertingen, Erfurt, Suhl, Biberach und Bruchköbel. In Dortmund zogen Kriegsgegner und Antifaschisten zum Mahnmal für die Opfer der Karfreitagserschießung von 1945. Damals waren in der Bittermark zahlreiche Widerstandskämpfer und politische Gefangene von den Nazis ermordet worden. Obwohl die Kundgebungen teilweise bei strömendem Regen stattfanden, zeigten sich die Veranstalter mit der Beteiligung zufrieden.

Die Friedensbewegung kündigte zum Auftakt der Osteraktionen »scharfe Gegenwehr zum außenpolitischen Kurs der Bundesregierung« an. »Wir fordern einen bedingungslosen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und statt dessen eine drastische Aufstockung der Mittel für den zivilen Aufbau«, sagte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Peter Strutynski, in Kassel. Nur ein Abzug der ausländischen Truppen biete Chancen für eine friedlichere Entwicklung Afghanistans. Zu den Ostermärschen wird eine erneute Petition an die Abgeordneten des Bundestages gestartet, die zur Nichtverlängerung des Bundeswehrmandats im nächsten Herbst auffordert.

Das in Bonn ansässige Netzwerk Friedenskooperative erinnerte in einer Erklärung zum Auftakt der Ostermärsche »an das fortdauernde Desaster des Irak-Kriegs, die hohen Opferzahlen und die massiven Lügen zur Begründung der Invasion vor fünf Jahren«. Nach unterschiedlichen Schätzungen hätten die Kriegshandlungen zwischen 800000 und einer Million Menschen das Leben gekostet, erklärte Netzwerk-Geschäftsführer Manfred Stenner. Rund vier Millionen Iraker seien auf der Flucht. Der Krieg habe die gesamte Region weiter destabilisiert und zur Stärkung von Al Qaida beigetragen.

Neben Afghanistan und Irak ist der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern dieses Jahr Thema bei den Ostermärschen. Aufrufe machen auf die Not der Menschen im Gazastreifen aufmerksam. »Ohne eine Einbeziehung der Hamas und Ermöglichung eines erträglichen Lebens auch in von ihr dominierten Gebieten gibt es keinen Weg aus der Spirale der Gewalt«, hieß es. Voraussetzung für die die Verhinderung künftiger Kriege ist für die Friedensgruppen eine radikale Umsteuerung der Energie- und Rohstoffwirtschaft hin zu erneuerbaren Energien und Einspartechniken. Nur so kann nach ihrer Ansicht das Risiko weiterer Kriege z.B. um Öl und Gas verringert werden: »Klimapolitik ist Friedenspolitik!«

In mehreren Orten wollen die Ostermarschierer auch zu Truppenübungsplätzen oder Kasernen ziehen. Insgesamt sind bis zum Ostermontag mehr als 70 Demonstrationen in ganz Deutschland angekündigt. Ostermärsche gibt es in der Bundesrepublik seit 48 Jahren. Einer der größten wird am Sonntag in der Kyritz-Ruppiner Heide stattfinden. Die Bürgerinitiative Freie Heide erwartet Tausende Menschen zum traditionellen Marsch gegen das sogenannte Bombodrom bei Wittstock. Die 16. Osterwanderung gegen die geplante Wiederinbetriebnahme eines ehemaligen Luft-Boden-Schießplatzes startet in Fretzdorf. Bei einer Kundgebung an der Grenze zum Bombodrom werden unter anderen Brandenburgs Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) und der Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Jürgen Seidel (CDU), reden. Beide Länder lehnen die Pläne des Bundesverteidigungsministeriums für den Bombenabwurfplatz ab.

Die Bürgerinitiative Freie Heide veranstaltet die Osterwanderungen seit 1993. Es handelte sich in den vergangenen Jahren jeweils um den größten Ostermarsch in Deutschland. Im vergangenen Jahr hatten sich nach Veranstalterangaben 10000 Teilnehmer auf dem Dorfplatz in Fretzdorf versammelt und waren gemeinsam zum geplanten Bombenabwurfplatz gezogen. Die Bürgerinitiative veranstaltet seit 1992 jährlich mehrere Protestwanderungen. Der diesjährige Ostermarsch gilt als 108. Protestwanderung.

Aus: junge Welt, 22. März 2008


"Schlimmste Visitenkarte vor der Welt"

Ostermärsche zum fünften Jahrestag des Irak-Krieges

Zum fünften Jahrestag des Beginns des Irak-Krieges starten am 20. März in Deutschland die diesjährigen Ostermärsche der Friedensbewegung. Im Zentrum der Veranstaltungen in zahlreichen Städten stehen die Forderung nach einer Friedenslösung für Afghanistan sowie der Protest gegen den Irak-Krieg, wie das Netzwerk Friedenskooperative in Bonn mitteilt. Zugleich setzen sich die Friedensinitiativen für eine Wende in der Nahost-Politik und für eine Friedenslösung zwischen Palästinensern und Israelis ein.

Die Ostermärsche beginnen mit Mahnwachen und Kundgebungen zum fünften Jahrestag des Irak-Kriegs. In Heidelberg ist dazu eine 24-stündige Mahnwache vor dem US-Hauptquartier geplant, weitere Veranstaltungen sind unter anderem in Erfurt, Gammertingen, Suhl und Tübingen vorgesehen. Mehr als 70 weitere Ostermarsch-Aktionen folgen bis Ostermontag.

Am Samstag beginnen die dreitägigen Ostermärsche in zahlreichen deutschen Städten. Die größeren Abschlusskundgebungen werden nach Netzwerk-Angaben am Ostermontag in Berlin, Dortmund, Hamburg, Haldesleben in Sachsen-Anhalt, Frankfurt am Main und Kassel veranstaltet.

Bundesausschusses Friedensratschlag: Truppen raus aus Afghanistan

Peter Strutynski vom Bundesausschuss Friedensratschlag hat im Namen der deutschen Friedensbewegung eine scharfe Gegenwehr zum "außenpolitischen Kurs der Bundesregierung" angekündigt. Nach dem Motto, vor der eigenen Tür zu kehren, richten sich die Oster-Proteste der deutschen Friedensbewegung insbesondere gegen die Beteiligung Deutschlands am Afghanistan-Krieg. Fast alle der über 70 Osteraktionen, die vom Donnerstag bis Ostermontag im ganzen Land begangen werden, fordern laut Strutynski von der Bundesregierung einen "bedingungslosen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Geschichte und Gegenwart des Konfliktherdes Afghanistan zeigen, dass nur ein Abzug der ausländischen Truppen Chancen für eine friedlichere Entwicklung der Region bieten." Gegen diese Erkenntnis verschließe sich die Bundesregierung und schicke stattdessen eine zusätzliche Kampfeinheit nach Afghanistan.

Die Nichtteilnahme der rot-grünen Bundesregierung am Irakkrieg war nach Auffassung von Strutynski "eine halbe Sache. Eine ganze Sache würde erst daraus, wenn die US-Stützpunkte in Deutschland geschlossen und den Irak-Kriegsteilnehmern keine Überflugrechte mehr erteilt würden. Auch dafür muss der Widerstand in Deutschland noch stärker werden", fordert er.

Die Bundesregierung sei auch unglaubwürdig im israelisch-palästinensischen Konflikt. "60 Jahre Israel zu feiern, ist auch nur die halbe Wahrheit. Wer dabei das Schicksal der Palästinenser vergisst, die seit eben so vielen Jahren im Exil oder unter Besatzung leben und denen ein lebensfähiger souveräner Staat an der Seite Israels seit Jahren vorenthalten wird, macht sich zum Verbündeten der einen Seite und faktisch zum Gegner der anderen Seite", meint Strutynski. Terrorismus der einen Seite könne nur aufhören, wenn der "(Staats-)Terrorismus" der anderen Seite aufhört. Solidarität mit Israel könne nur funktionieren, wenn auch Solidarität mit den Palästinensern geübt wird. Die Bundesregierung solle sofort die deutsche Marine von den Küsten Libanons zurückrufen. "Die hat dort weder etwas zu suchen noch zu tun. Das würde in einem Jahr 185 Mio Euro einsparen."

Strutynski: Die Bundesregierung will aus der Wirtschaftsunion EU eine Militärunion machen

In vielen Aufrufen zu den diesjährigen Ostermärschen finden sich auch Forderungen nach Auflösung der NATO und nach einem Stopp der Militarisierung der Europäischen Union. "Der EU-Reformvertrag, der demnächst vom Bundestag ratifiziert werden soll, ist in sicherheitspolitischer Hinsicht keinen Deut besser als der gescheiterte Verfassungsvertrag", meint Strutynski. "Aufrüstungsverpflichtung, Teilnahme an Militärinterventionen in aller Welt, Einrichtung der europäischen Rüstungsagentur und Aufbau von Schlachtgruppen (Battle groups) sind nur drei markante Pfeiler dessen, was wir Militarisierung der EU nennen. Und die Bundesregierung der Großkoalitionäre ist treibende Kraft dieser Entwicklung, die aus der so erfolgreichen Wirtschaftsunion eine Militärunion machen wird."

Die Friedensbewegung wolle nicht nur keine neue Militärunion, sie wolle auch den Austritt aus dem alten Militärpakt NATO, so Strutynski. "Dessen Existenzberechtigung war doch spätestens mit der Auflösung des Warschauer Paktes 1991 erloschen. Im völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien 1999 hatte die NATO ihre bis dahin schlimmste Visitenkarte vor der Welt abgegeben."

Aus: Internetzeitung für Deutschland www.ngo-online, 20. März 2008


Krieg spielt den Terroristen in die Hände

Pazifisten fordern "Bundeswehr raus aus Afghanistan". Der Friedensaktivist Thomas Carl Schwoerer sagt, warum. *

Das Konzept der militarisierten Außenpolitik ist gescheitert - in Afghanistan, Irak und dem Kosovo. In Afghanistan ist aus einem Einsatz zur Stabilisierung des Wiederaufbaus ein Krieg gegen aufständische Kämpfer geworden, mit der Bundeswehr als Kriegspartei. Jeder Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Der Afghanistan-Krieg ist nicht mal ein effektives Mittel, um die ihn rechtfertigenden Ziele zu erreichen: Er wird mit dem Terrorismus begründet - Deutschlands Sicherheit werde am Hindukusch verteidigt. Man dürfe dem islamistischen Terror keine regionale Operations- und Rückzugsbasis überlassen, die zu Anschlägen ermuntern würde.

Wer so argumentiert, setzt allerdings die Bekämpfung des Terrorismus mit einem konventionellen Krieg gleich. Terroristen sind aber Zivilisten, die meistens nicht dort anzutreffen sind, wo sich Soldaten gerade aufhalten. Und sie treten nicht in Heerscharen auf, sondern in kleinen Gruppen, die von jedem Ort auf der Welt aus arbeiten können und auf eine weitflächige Operationsbasis nicht angewiesen sind. Man braucht kein ganzes Land, um Terrorist zu sein - ein paar Zimmer reichen aus.

Wer in den Kategorien konventioneller Kriege denkt, spielt Terroristen zudem in die Hände: Mit jedem Bombardement und jedem Tod von Zivilisten, der unweigerlich im Afghanistan-Krieg geschieht, macht sich der Westen Feinde und führt den Terroristen Rekruten zu, die der Rachegedanke antreibt. Dass der Afghanistan-Krieg nicht effektiv den Terrorismus bekämpft, haben die Niederlande und Kanada bereits erkannt, die ihren Rückzug bis Weihnachten 2010 bzw. 2011 unwiderruflich angekündigt haben. Nach Umfragen erkennt dies auch die deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Die Anzahl der Befürworter dürfte weiter abnehmen, nachdem Bundeswehr und Bundesregierung eine Kampftruppe einsetzen und die Zahl der Soldaten weiter erhöhen wollen. Für den Militäreinsatz wird sechsmal soviel ausgegeben wie für den zivilen Aufbau Afghanistans.

Abzug ausländischer Truppen

Die Ausbreitung islamistischen Terrors zu verhindern, ist ein politisches und kein militärisches Ziel. Es geht darum, Terroristen von der sie unterstützenden Gemeinschaft zu isolieren und potenzielle Rekruten davon abzuhalten, sich ihnen anzuschließen.

Die Voraussetzung dafür sind Verhandlungen zwischen allen Kriegsparteien über einen Waffenstillstand und einen Friedensprozess, statt weiterem Drehen an der Gewalt-Spirale. Wenn Seymour Hersh, einer der angesehensten Journalisten, Recht damit hat, dass der Afghanistan-Krieg zum Scheitern verurteilt ist, ist es besser, jetzt zu verhandeln als zu einem aussichtslosen Zeitpunkt. Denkbar sind die Schritte:
  • Einstellung aller militärischen Aktivitäten, Abzug ausländischer Truppen
  • Zivile Hilfe in Höhe der jetzigen Militärausgaben für die Infrastruktur und lokale Projekte, die den Menschen eine wirtschaftliche Perspektive außerhalb des Drogenhandels eröffnen
  • Bildung einer neuen Koalitionsregierung und Stärkung der lokalen staatlichen Strukturen unter Einbindung afghanischer Konfliktparteien und Gruppierungen
  • Einrichtung einer regionalen Konferenz für Sicherheit und Entwicklung unter Einbindung aller Nachbarstaaten.
Keine Lösung für Konflikte

Den Irak-Krieg beurteilt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz als Katastrophe für die Menschen. Und der Kosovo-Krieg? Der löste das aus, was er vorgeblich beenden sollte: eine Zunahme der Menschenrechtsverletzungen.

Erst nach den Nato-Bombardierungen und verstärkt durch die darauf folgenden serbischen Racheakte begann der Flüchtlingsexodus aus dem Kosovo. Nach dem Waffenstillstand wurde die Mehrheit der Serben vertrieben, nun durch die Albaner. Der Krieg brachte keine Lösung für die Konflikte im Kosovo, sondern hat im Gegenteil ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen in weite Ferne rücken lassen. So gab es vor wenigen Tagen schwere gewalttätige Auseinandersetzungen im Norden Kosovos.

Die Alternative? Noch im Oktober 1998 war die Entsendung von 6000 OSZE-Beobachtern vorgesehen. Doch die gleichen Staaten, die ein halbes Jahr später Milliarden Euro für die Bombardierung, Zerstörung und den Wiederaufbau Jugoslawiens aufwendeten, waren nicht bereit, das zugesagte Kontingent aufzufüllen.

* Thomas Carl Schwoerer ist Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner Innen, der ältesten und einer der wenigen bundesweiten Friedensorganisationen. Er ist Verleger des Campus Verlags Frankfurt/New York.

Der Beitrag von Thomas Carl Schwoerer erschien am 22. März in der "Frankfurter Rundschau".

Offenbar aus Gründen der Ausgewogenheit erschienen auf derselben Seite zwei weitere Artikel, die sich aber sehr deutlich vom Pazifismus der Friedensbewegung distanzierten.
Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel warf der Friedensbewegung sogar "Antiamerikanismus" und "Antisemitismus" vor, ohne auch nur einen Beleg liefern zu können. Der entsprechende Passus in dem Interview lautet:
"Wir haben bei den großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg teilgenommen, weil wir ihn falsch fanden und finden. Dennoch gibt es in der Friedenbewegung Argumentationsmuster, die teils antisemitische und antiamerikanische Anklänge haben. Das hat mit linker progressiver Politik nichts zu tun."
Den anderen Artikel steuerte Ralph Fücks bei, ein "Realo"-Grüner der ersten Stunde" und heute Vorsitzender der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Fücks nimmt Stellung für die Präsenz der Bundeswehr in Afghanistan. Es heißt bei ihm u.a.:
"Wer den Rückzug der internationalen Truppen fordert, bevor tragfähige staatliche Strukturen bestehen, gefährdet damit alles, was auf zivilem Terrain erreicht wurde. Und er gefährdet vor allem all die Einheimischen, die sich im Vertrauen auf die Präsenz der internationalen Truppen für den Aufbau eines neuen Afghanistan engagiert haben: als Lehrer, Journalisten, Abgeordnete, Kommunalpolitiker, Unternehmer, Polizisten oder als Mitglieder der afghanischen Armee. Kaum jemand wird mehr dieses Wagnis eingehen, wenn er damit rechnen muss, dass die Taliban wieder die Macht erobern. Deshalb ist die Verlässlichkeit des internationalen Engagements, zivil wie militärisch, das A und O einer erfolgreichen Afghanistan-Politik. Die Forderung nach einem vorzeitigen Abzug der Bundeswehr dient deshalb nicht dem Frieden, sondern fördert die erneute Eskalation der Gewalt."


Ostermarschierer fordern Ende der Gewalt in Tibet

Die Friedensbewegung hat am Karsamstag (22. März) bundesweit gegen Krieg, Wettrüsten, die Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Gewalt in Tibet demonstriert. "Trotz des durchwachsenen Wetters sind die Veranstalter vor Ort sehr zufrieden mit der Beteiligung", sagte der Koordinator des Netzwerks Friedenskooperative, Christian Golla, in Bonn. Insgesamt sind über die Ostertage rund 90 Veranstaltungen geplant. Am Samstag fanden Aktionen unter anderem in Mannheim, Augsburg, Wiesbaden und Oldenburg statt. In Duisburg nahmen rund 200 Menschen an der Auftaktveranstaltung für den Ostermarsch Ruhr teil, der in drei Tagen nach Dortmund führt.

Mit Blick auf die Niederschlagung der Protestbewegung in Tibet fordern die Friedensgruppen ein Ende der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen. Sie erinnerten an das chinesische Versprechen zur Verbesserung der Menschenrechte vom April 2001 anlässlich des Zuschlags für die Olympischen Sommerspiele. Netzwerk-Geschäftsführer Manfred Stenner hob die große Verbundenheit der Friedensbewegung mit dem Dalai Lama hervor: "Seine einzige Waffe ist das Wort. Wir streiten dafür, dass dies die allgemeine Regel wird und alle an Krisen und Konflikten Beteiligten ihre Interessen nicht mit Waffengewalt durchsetzen."

Auch für den Nahen Osten fordern die Ostermarschierer zivile Konfliktbearbeitung statt Gewalt und Krieg. Das "andauernde Desaster des Irakkriegs", die Entwicklung in Afghanistan und die Spirale der Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt zeigen nach Ansicht der Friedensbewegung, dass der Weg von Militär und Krieg nur in Sackgassen führe.

Zu den Ostermärschen startete die Friedensbewegung eine erneute Petition an die Abgeordneten des Bundestags, die zur Nicht-Verlängerung des Bundeswehrmandats in Afghanistan im nächsten Herbst auffordert. Die Friedensgruppen fordern die Umschichtung der Einsatzkosten von mehr als 500 Millionen Euro jährlich auf zivile Aufbauprojekte in enger Abstimmung mit der örtlichen Bevölkerung.

AFP, 22. März 2008


Ostermärsche an Bundeswehr-Standorten fortgesetzt

Mit den traditionellen Ostermärschen an mehreren Bundeswehr-Standorten haben Friedensaktivisten am Sonntag gegen den Militäreinsatz in Afghanistan protestiert. Die größte Demonstration fand in Brandenburg gegen das sogenannte Bombodrom statt. Nach Angaben der Organisatoren versammelten sich dort 2.500 Menschen. Der Übungsplatz der Bundeswehr ist hochumstritten.

Auf Plakaten und in Reden forderten die Teilnehmer in Fretzdorf von Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU), auf die Nutzung des Bombodroms auf dem ehemals sowjetischen Truppenübungsplatz etwa 100 Kilometer nördlich von Berlin zu verzichten.

Auch der Brandenburger Umweltminister Dietmar Woidke (SPD) und der mecklenburgische Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) nahmen teil. Beide Landesregierungen lehnen die Pläne der Bundeswehr ab, weil sie eine Schädigung der Tourismuswirtschaft in der Region fürchten.

Die Brandenburger Grünen-Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm verlangte ein Machtwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Kanzlerin müsse den Verteidigungsminister auf die Ebene der Tatsachen zurückholen und die Aufgabe der Pläne für einen Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide erwirken, erklärte sie.

Organisatoren rechnen mit Beteiligung wie in Vorjahren

Aktionen fanden auch in Thüringen und im Ruhrgebiet statt. Wie das Ostermarschbüro in Frankfurt am Main mitteilte, demonstrierten am Truppenübungsplatz Ohrdruf mehrere hundert Menschen. Nach Darstellung der Organisatoren werden dort Soldaten für ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet, darunter Angehörige der Eliteeinheit KSK. Aktionen seien an dem Standort auch in Zukunft geplant, sagte der Ostermarschsprecher und Politiker der Linkspartei, Willi van Ooyen.

Bereits am Samstag hatten tausende Menschen demonstriert. Nach Angaben des Ostermarschbüros kamen in Stuttgart und Düsseldorf jeweils 1.000 Kundgebungsteilnehmer zusammen. In Bremen, Wiesbaden, Augsburg, Braunschweig und Mannheim forderten demnach insgesamt etwa 1.300 Demonstranten unter anderem den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan.

Trotz des schlechten Wetters kamen den Organisatoren zufolge etwa so viele Teilnehmer wie 2007. Van Ooyen erklärte, bis zum Abschluss der Ostermärsche am (morgigen) Montag rechne er mit einer Beteiligung wie in den Vorjahren, als zwischen 40.000 und 50.000 Menschen auf die Straße gegangen seien.

Krawalle in Brüssel

Die Unterschriftenaktion für eine Petition an den Bundestag, das Afghanistan-Mandat der Bundeswehr im Herbst nicht zu verlängern, sei gut angelaufen, erklärte van Ooyen, der auch Fraktionschef der Linkspartei im hessischen Landtag ist.

Zu Ausschreitungen kam es am Samstag bei einer Aktion vor dem NATO-Hauptquartier in Brüssel. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich 500 Menschen an der Demonstration. Die Aktivisten versuchten, auf das NATO-Gelände vorzudringen. Es gab 150 Festnahmen. Mit der Aktion habe man darauf hinweisen wollen, dass die NATO der Welt nicht mehr Frieden bringe, teilten die Organisatoren mit.

AP, 23. März 2008


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