Ostermarschreden, 14.04.2008 (Friedensratschlag)
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"Alles, was kriminell ist im Frieden, gilt als Instrument im Krieg" - Gegen Militärstützpunkte und Atomwaffen

Nachtrag zum Ostermarsch 2008: Die Reden von Eugen Drewermann, Bettina Lübeling und Elke Koller

Im Folgenden dokumentieren wir drei weitere Reden vom Ostermarsch 2008. Diesmal die Reden von


Krieg beschützt niemanden, aber er bedroht jeden

Von Eugen Drewermann *

...Und immer wieder sehen wir die Bilder der Opfer mit entsetzlichen Verletzungen und den Qualen eines langsamen, röchelnden Todes. Wir stehen hier, weil wir diese Bilder und die sie abbildende Wirklichkeit zum Kotzen leid sind und nicht mehr ertragen. Immer noch haben wir weltweit hinzunehmen, dass die Regierenden sich die so genannte Option, die Führbarkeit des Krieges, offen halten. So lange sie diese Hintertüre haben, werden sie im Zweifelsfalle davon Gebrauch machen, und deswegen gilt es, mit dieser Option des Krieges aufzuräumen.

Krieg gehört verboten, überall, wo er droht!

Eben deswegen ist die erste Forderung, die wir erheben, dass wir die allgemeine Wehrpflicht in der Bundesrepublik abschaffen. Und zwar nicht deswegen, wie manche bei der FDP erklären, damit wir eine bessere Berufsarmee an deren Stelle setzen können. Wir wollen nicht Söldnertruppen wie die von Blackwater in den USA, organisiert mit 30.000 Mann in Amerika, im Irak eingesetzt sehen, Killerprofis mit 3.000 Dollar pro Monat und mehr. Wir wollen das Ende des Mordens und deswegen die Beseitigung des Militärs.

Wir wollen die Abschaffung der Bundeswehr auch nicht aus den Gründen der so genannten Wehrgerechtigkeit. Es ist überhaupt nicht gerecht, und es ist nicht rechtens, 18-jährige Männer oder auch 18-jährige Frauen, darin auszubilden, am effizientesten Menschen auf Befehl umzubringen. Routiniert, standardisiert und skrupellos. Noch brauchen wir, Angehörige der Zivilisation, und der Kultur, ein monatelanges Training, um ohne nachhaltige Schuldgefühle Menschen ermorden zu können. Wer von den Müttern, die heute ein Kind gebären und großziehen, kann wünschen, dass aus ihrem Kind ein kriegswilliges Monstrum wird, programmierbar, funktionalisierbar in den Händen von so genannten Ausbildern?

„Drilling for killing“ - eine furchtbare Formel der Skrupellosigkeit Jeder Wolf hat seine Tötungshemmungen, aber die Bruchteile des Zögerns beim Töten von Menschen muss man und kann man auf den Drillplätzen der Armeen überall auf Erden wegtrainieren. Die wenigen Sekunden, die es kostet, nicht die Hand am Abzugshahn zu haben, kann das eigene Leben gefährden, und dem Gegner zuvorzukommen, überlebenswichtig sein. Wollen wir allen Ernstes Menschlichkeit, Sicherheit, Freiheit und Demokratie auf diese Fertigkeiten in solchen Übungstrainings uns auferlegen?

Solange von Krieg die Rede ist, haben wir es zu tun mit den Kraken und mit einer Krankheit der Kultur. Man muss das Wort Krieg nur aussprechen und wir fallen um Jahrtausende durch den Tunnel der Historie zurück in die Mentalität der Steinzeit. Alles was unter zivilisierten Bedingungen verboten ist, ist im Krieg prämierungswürdig. Wie man tötet, Menschen vertreibt, ihnen die Häuser über die Häupter in die Luft jagt. Wie man sie verhaftet, wie man ihnen die Nahrung abschneidet, wie man sie quält, wie man sie belügt. Alles, was kriminell ist im Frieden, gilt als Instrument im Krieg. Nichts ist deswegen kulturfeindlicher als die so genannte Option des Krieges. Und es waren die besten Köpfe im 20. Jahrhundert bereits, von Albert Einstein über Albert Schweitzer bis Rabin da Natale, die erklärten, so lange es die allgemeine Wehrpflicht gibt, kann es keinen Fortschritt der Kultur geben.

Tritt die Geschichte auf der Stelle, pervertiert sie in ihr Gegenteil, denn die besten Absichten des sozialen Handelns schlagen im Krieg ins Gegenteil, um exakt das Konträre von dem zu erreichen, was ursprünglich gewollt war. „Schutz von Frauen und Kindern“ beispielsweise war sogar den Nazis 1944 eine Durchhalteparole an der so genannten Ostfront. Die Wirklichkeit des Krieges heute zeigt, dass Frauen und Kinder wie zu allen Zeiten, bloß noch vermehrt, die ersten Opfer jedes Krieges sind. 1914 bis 1918 zählte man etwa zehn Prozent der rund zehn Millionen Kriegsopfer des Ersten Weltkriegs zu den Zivilisten. Heute rechnen wir, dass 90 Prozent der Menschen, die im Irak sterben, die in Afghanistan ermordet werden, Zivilisten sind.

Das ist nicht Schutz von Menschen, das ist Morden von Menschen. Krieg beschützt niemanden, aber er bedroht jeden! Man erklärt uns, dass wir immer besser in den Waffentechniken geworden seien. In der Tat. 1915 konnte es noch als Kriegsverbrechen gelten, wenn Fritz Haber an der Westfront Chlorgas einsetzte, um Menschen zu vernichten wie bei einer großen Entlausungsaktion; mit Mitteln, die sich in den Lungen zu Salzsäure zusammensetzten. Es hat kein Halten an der Entwicklung solcher Waffen gegeben, bis hin zu den Flächenbombardements mit Napalm. Bis hin zu den Sprengbomben der Amerikaner im Irak. Bis hin zu den Clusterbomben in Afghanistan und dem Libanon. Völkerrechtlich verbotene Mittel zählen heute zum Standard.

In den 50er-Jahren mochte man darüber diskutieren, ob Dum-Dum-Geschosse völkerrechtswidrig sind, weil der Drall der Patronen sich derart in den Körper eines Menschen hineinfrisst, dass unbehandelbare Wunden entstehen. Die High-Speed-Guns heute haben genau diesen Effekt, dass die Impulsstärke die Gewebe derart vernichtet und zum Platzen bringt, wie wenn sie in eine Banane oder in eine Apfelsine eindringen würden. Sie sollen morden, sie sollen so verletzen, dass die Opfer keiner medizinischen Behandlung mehr zugänglich sind.

Und schauen Sie sich die napalmverbrannten Opfer an, wo die Brandmasse selbst unter ihrer eigenen Hitzeentwicklung sich hineinfrisst in den Körper. Sadistischere Möglichkeiten, Menschen bis zum Tod zu quälen, sind nicht ersonnen worden als im Militär. Dabei muss man darauf hinweisen, dass alles, was auf diese Weise Menschen zugefügt wird, tausendfach erprobt wurde zuvor an Tieren. In Experimenten, die natürlich geheimgehalten werden. 1954 die Operation „Bravo“: Die Amerikaner testen ihre Wasserstoffbombe im Pazifik. 40.000 Wirbeltiere sind das Experimentmaterial, um herauszufinden, in welcher Druckentwicklung die Trommelfälle platzen, in welcher Distanz die Haut versengt wird, in wie viel Generationen die Strahlenverseuchung genetische Schäden anrichtet. Das alles ist im Archiv von Leuten, die uns sagen, Atomkriege sind führbar, und wir brauchen das zur Sicherheit, und wir nehmen schon mal 300 Stück mit an den Golf, damit sie für alle Fälle dort sind.

Auf diese Weise wollen wir nicht geschützt und gesichert werden. Nicht um den Preis der Verletzung aller moralischen Skrupel.

Was man zum Kriegführen braucht, ist eine entsprechende Psychologie. Es ist nicht wahr, wenn manche Kirchenführer jetzt erklären, dass wir natürlich alle für den Frieden sind und dass der Frieden anfängt in der eigenen Familie. Das ist nicht falsch, wird aber dem Problem absolut nicht gerecht. Die meisten Leute, die über 70 und männlichen Geschlechtes sind, waren wahrscheinlich viele Jahrzehnte lang gute Familienväter, steuerzahlende Bürger, aber es blieb ihnen nicht erspart, zu Fuß in Richtung Moskau zu marschieren. Mein eigener Vater, mein eigener Großvater, bei wem eigentlich nicht, haben wir Männer, die im Kriege waren? Nicht, weil eine persönliche Psychopathie, ein privater Sadismus explodiert wäre, sondern weil man ganz normale soziale Gefühle von Verantwortung umgekehrt und pervertiert hat in das Unmenschliche, ins Abschlachten von Menschen. Aus Pflichttreue vermeintlich, aus Gehorsam vermeintlich, um den Eid nicht zu brechen, höchstwahrscheinlich und immer musste man mitmachen.

Als wenn es nicht seit über 30 Jahren sozialpsychologische Experimente gibt, die zeigen, was aus Menschen wird, wenn man ihnen sagt, da drüben steht das absolut Böse, der Feind, der Terrorist, der Islamist, der Gegenmensch, der Unmensch. Und du hast die Pflicht, die Humanität zu schützen, in dem du alle da drüben ausrottest. Einfache Versuche, wie unter Gehorsam Menschen reagieren können, von Stanley Milgram unter dem Titel „Abraham“ veröffentlicht, haben gezeigt, dass ganz normale Leute wie Sie und ich unter entsprechenden Voraussetzungen, wahrscheinlich schweißtreibend und mit zitternden Händen, durchaus fähig werden, auf Befehl einen Menschen so weit zu foltern, dass es lebensgefährlich würde. Was haben wir gefunden?, fragte Stanley Milgram, um zu erklären wie My Lai in Vietnam möglich war, das Ausrotten eines ganzen vietnamesischen Dorfes: „Gehorsam haben wir gefunden. Nicht Sadismus, sondern Gehorsam.“

Und was wir deshalb als erstes lehren müssen ist, unserer Jugend zu sagen: Zeigt Ungehorsam denjenigen gegenüber, die den Krieg gebieten.

Es gibt Experimente, wie die von Phil Zimbardo, wie man in einer einfachen Gefängnissituation durch die Zweiteilung der Welt in Gut und Böse am Ende die Wachmannschaft in eine Situation bringt, dass sie Menschen quält, immer im Glauben, noch die Pflicht zu erfüllen. Was eigentlich wird aus jungen, achtzehnjährigen, zwanzigjährigen GI’s, denen man sagt, da drüben ist ein potentieller Terrorist. Er wird das nicht zugeben, aber wenn du ihn „weich kochst“, wenn du ihn richtig quälst in Abu-Ghuraib, dann rettest du womöglich Tausende deiner eigenen Bürger und Freunde. Also nimm ihn dazwischen. Sie finden im „Stern“ den Bericht der Lynndie England, die Folterhexe, wie man sie nannte in Abu-Ghuraib. Meteorologie wollte sie studieren, aber nicht zum sadistischen Monster degenerieren. So etwas macht das Militär aus ganz normalen Menschen. Und anschließend steckt man sie ins Gefängnis als schuldig, und nicht die Herren Rumsfeld, Cheney, Bush und ihre Auftraggeber.

Wir lesen voller Erschütterung den Bericht von Joshua Key „Ich bin ein Deserteur“. Den Mann hatte man mit dem Versprechen angeworben, dass er in der Soldateska nur gebraucht würde zum Brückenbau. Plötzlich fand er sich wieder im Irak und erlebte mit, wie man Nacht für Nacht Häuser stürmt, Razzien durchführt, Frauen und Kinder aus den Betten reißt, die Männer ohne jeden Grund deportiert, versteckt, ausfragt, foltert, wie man die Hamuis, die Straßen von Bagdad, auf eine Art zu sichern versucht, die die Bevölkerung einschüchtert. Sein Fazit: Auf diese Art bekämpfen wir nicht Terroristen, sondern wir selbst sind die Terroristen. Aber dann musste er erleben, dass Desertion in der US-Army bestraft wird, potentiell mit Todesstrafe. Joshua Key und seine Familie versuchen in Kanada, Asyl zu finden. Höchst unwahrscheinlich, dass bei der Fülle von Fällen, die zu erwarten wäre, die kanadische Nachbarregierung die Grenzen öffnet für Deserteure aus den USA. Aber wir in Deutschland könnten sagen, wenn wir gegen den Krieg im Irak sind, was unsere Regierenden behaupten, dass wir diejenigen aufnehmen als unsere Freunde, die genauso denken wie wir. Ein Mann wie Joshua Key zum Beispiel. Asyl für Deserteure im Irak-Krieg, Asyl für Deserteure im Afghanistan-Krieg, Asyl für jeden, der gegen den Krieg ist aus Überzeugung. Sie sind unsere Freunde und naturgemäß unsere Mitbürger. Wir wünschen ihre Anwesenheit unter uns.

100.000 US-Soldaten haben bisher seelische Schäden im Irak-Krieg erlitten, die so genannten posttraumatischen Stress-Disorder. Menschen, dies können sogar die Militärpsychologen der US-Army inzwischen begreifen, sind nicht abzurichten wie Bluthunde, die man auf Befehl von der Kette und dann wieder munter auf den Schoß von Frauchen zurückkriechen lässt. Bei Menschen, die man zum Krieg erzieht, kann das gesamte Netz bürgerlicher Moral und bürgerlichen Anstandes an den Grenzen des Grauens zusammenbrechen. Solange die Option des Krieges besteht, leiden wir an der Paranoisierung des Politischen und Sozialen. Immer umklammert mit der Möglichkeit, du darfst nur leben, wenn du fähig wirst zum Töten.

Wir Menschen leben nicht wie unter den Wölfen. Und die Fähigkeit zum Morden gibt nicht das Eintrittsrecht, als Mensch zu existieren. Genau das Gegenteil ist wahr. Es gibt uns niemand irgendeine Erlaubnis, mit Menschen so umzugehen, als hätten wir es zu tun - in der Sprache der Propaganda - wie mit Ratten, Läusen und Ungeziefer. Allein die Zweiteilung im Antiterrorkrieg von George W. Bush im monumentalen Kreuzzug gegen das Böse ist in sich absurd. Es gibt nicht hier die Guten und drüben die Bösen. Wenn wir so beginnen zu denken, dies zeigen die Experimente von Stanley Milgram oder Phil Zimbardo, sind wir selber bösartig, weil wir keine Skrupel mehr haben im Einsatz der Mittel. Und darum sagen wir, dass Krieg nicht das Böse bekämpft oder das Böse verhindert, sondern in sich selbst, seiner ganzen Struktur, seiner Psychologie und seiner Unmenschlichkeit wegen als das Böse schlechterdings benannt und bekämpft gehört.

Selbst wenn wir absehen von den Schicksalen der Menschen, die man in den Krieg hineintreibt: Was wird aus dem Zustand, in den man uns nötigt zu leben, alleine durch die Tatsache, dass wir uns diese verdammte Option des Krieges offen lassen wollen? 70 Prozent der Deutschen sind gegen die Anwesenheit der Bundeswehr in Afghanistan. Aber was für Leute regieren uns dann, dass sie sich erlauben, die Stimme des Volkes Jahr für Jahr zu überhören.

Da gab es eine Gruppe von Politikern, die sich einmal als die Grünen auf der Seite der Friedensbewegung zu stellen beabsichtigten. Heute hören wir ihr Geschwätz, dass es nötig ist, Deutschland am Hindukush zu verteidigen, bloß weil ihre Spitzen damals - Joschka Fischer obenauf – es nötig fanden, in unbedingter Solidarität an der Seite der Amerikaner zu stehen. Statt denen zu sagen, Krieg löst kein Problem, aber er schafft eine ganze Menge von Problemen. Es mag ja sein, dass Joschka Fischer im Stande ist, inzwischen - ohne Abitur am Schluss - über Politik in einer berühmten Universität in New York oder in Chicago Vorträge zu halten. Aber uns soll er nicht die Lüge aufschwatzen, dass der Krieg in Afghanistan ein Beitrag zum Frieden auf der Welt sei! Man hat den Krieg in Afghanistan vom Zaun gebrochen, noch nicht einmal für den 11. September 2001. Der Beweis: Im Juni 2001 diskutierte man in Bonn, hier in Deutschland, mit den Taliban. Sie erfahren den wirklichen Kriegsgrund. Es ging um den Bau von zwei Pipelines, um das Erdöl vom Kaspischen Meer runter zu führen in den Persischen Golf. Als die Taliban, die selber hochgerüstet worden waren von den Amerikanern, das verweigerten, waren sie zum Abschuss frei und alles andere längst beschlossene Sache, als der Angriff auf die Twin-Towers in New York erfolgte. Wir verteidigen Deutschland nicht in Afghanistan. Kein Afghane hat Deutschland oder Amerika angegriffen. Aber unsere Soldaten sind es, die Afghanen töten. Wir bauen da nicht auf, wir reißen ab. Und wir erleben, wie jedes Problem weiter eskaliert. Es ist möglich, auf diese Weise sich in der Illusion eines Kurdistans im Sinne von Kabulistan einzurichten. Schöne Hotels, in denen Amerikaner sich selber verwalten. Aber mit dem Leid der Menschen hat das absolut nichts zu tun.

Ich höre neuerdings Berufs-Kriegsbefürworter wie Henryk M. Broder erklären, dass der Krieg im Irak nicht zurückzuführen sei auf die Anwesenheit von Massenvernichtungswaffen. Saddam Hussein sei vielmehr eine Massenvernichtungswaffe gewesen, und das sei erledigt. Und wir würden George W. Bush noch eines Tages lobpreisen und Grund haben, ganz anders wahrzunehmen. Leute, die so denken, muss man simpel einmal fragen, ob der Tod vielleicht von ein paar hunderttausend Menschen, auf mehr oder weniger scheint es dabei nicht anzukommen, erst einmal ein Probestück auf die kommende Geschichte sein könnte.

Wir lassen so viel Blut in den Sand sickern, dass wir anschließend beobachten könnten, ob da noch ein paar Veilchen blühen, und wenn, dann wäre alles in Ordnung und begraben. Im Vorlauf zum Irak-Krieg 2003 konnten sie Madeleine Albright (Außenministerin in der Clinton-Regierung) die Frage beantwortet hören, ob ihr der Tod von 500.000 irakischen Kindern im Alter bis zu fünf Jahren durch die Embargo-Politik der USA die Sache wert sei. Und ihre simple Antwort war: „Yes, sir!“ Eine Außenpolitikerin, die den Tod von einer halben Million Kinder für ganz normal und richtig findet, um irgendeine Embargo-Zielsetzung durchzupeitschen, hat offensichtlich nicht die mindesten Reserven von Menschlichkeit und Verantwortung im Körper. Solche Leute sind in ihrer Mentalität zu Taten bereit, die unter allen normalen Betrachtungsweisen für kriminell gehalten werden müssen. Und solche Leute sollten wir nicht in die Regierung hineinlassen.

Wir sind heute dabei, zu akzeptieren, mehr oder minder, dass die Amerikaner ihre Hegemonialansprüche über die Nato immer weiter ausdehnen. Schon steht uns bevor, dass wir im Verlaufe des kommenden Jahres unter Frau Merkel scheibchenweise den Einsatz der deutschen Soldaten in Afghanistan erweitert finden. Schon wird man gewärtigen müssen, dass nach der nächsten US-Präsidentschaftswahl auch die Europäer sich im Irak engagieren sollen.

Wir hätten 1989 die Möglichkeit gehabt, in Deutschland den ganzen Spuk, und ich vermute europaweit, ein für allemal zu beenden. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, nach dem Auseinanderdriften des Warschauer Paktes war es Gorbatschows Angebot an die deutsche Regierung, an Helmut Kohl, die Nato aufzulösen und die Wiedervereinigung zu gewährleisten durch den Austritt Westdeutschlands aus der Nato. Es war der dritte Versuch von sowjetischen Politikern, die Militärbündnisse in Europa aufzulösen und die enormen Ressourcen an Geld, Sachverstand und Material zu konvertieren in friedfertige Zielsetzungen.

Abgelehnt wurde das von George Bush, dem Älteren, und ohne Diskussion umgangen von Helmut Kohl. Seitdem zahlen wir vorher wie nachher jedes Jahr etwa 50 Milliarden DM, sprich etwa 25 Milliarden Euro, nur für Rüstung. Ein wenig Mathematik: 18 Jahre mal 25 Milliarden Euro. Wir hätten jede Menge Geld zur Verfügung. Für Schulen, für Kindergärten, für Krankenhäuser, für Rentner, für alte Leute, für wen eigentlich nicht? Wir hätten riesige Möglichkeiten im Kampf gegen die wirklichen Ursachen des Krieges. All das fehlt uns, weil die Herren keine Fantasie haben, ein steinzeitliches Denken mitten im Atomzeitalter endlich abzuschaffen.

Eben deshalb brauchen wir den Protest, um zu sagen, das Volk trägt diese idiotischen Lasten und Fehlausgaben nicht mehr länger mit. Wir müssen nur eine kleine Gegenrechnung aufmachen. Die Vereinigten Staaten von Amerika geben jedes Jahr inzwischen unter George W. Bush 400 Milliarden Dollar nur für Militär und Rüstung aus. Pro Jahr sterben auf dieser Erde 50 Millionen Menschen an Hunger, unmittelbar am Hunger. Heute, am Ostersamstag, 100.000 Menschen - krepiert am Hunger. Es sind Schätzungen der UNO, die uns vorrechnen, dass man mit 20 Milliarden Dollar die Slums aller Großstädte der Welt auflösen und mit 18 Milliarden Dollar jedem Menschen auf diesem Globus Zugang zu gereinigtem Trinkwasser verschaffen könnte. Ein Zwanzigstel von dem, was alleine die Vereinigten Staaten verplempern für Rüstung, könnte der ganzen Menschheit in dieser Form zugute kommen. Ein einziger Jahreshaushalt der Bundeswehr so eingesetzt, wäre eine Friedensmaßnahme von unabsehbar günstigen Folgen. Wann sind denn die Regierenden bereit, einmal die Verantwortung, von der sie dauernd reden, in Taten umzusetzen, die dem Wort entsprechend wären?

50 Millionen Verhungerte, das ist ungefähr die Zahl, die in sechs Jahren Zweiter Weltkrieg beim Ausstoß aller Vernichtungsmöglichkeiten der Industrienationen in Westeuropa und in Ostasien vom Krieg gefressen wurden. Heute scheint das marginal, nur damit die Herren so weitermachen können. Und im Hintergrund steht eine Kriegsrüstungslobby, die den Hals und den Bauch nie voll zu kriegen scheint. Korruption, Lüge, Verrat, all das scheint normal.

Der gerade zum Katholizismus übergetretene Tony Blair wird dabei ertappt, wie er die Schmiergeldzahlungen von BAA, dem drittgrößten britischen Flugzeugbauer, stornieren konnte, bloß damit Prince Bondare, ein Freund von George W. Bush, endlose Gelder einstreichen kann.

Keine Rüstungspolitik ohne Korruption, auch das gehört zum Standard seit den Tagen von Kaiser Wilhelm II bis heute. Wir müssen den Herrschaften die Möglichkeiten, uns weiter an der Nase herumzuführen, ein für allemal nehmen. Wenn sie wiederkommen und uns erklären, dass wir irgend ein Gut der Welt zu verteidigen hätten, so kostbar, dass wir dabei über Leichen gehen müssten, können wir ganz klar sehen, wo der Feind sich wirklich befindet. In unserem Kopf, wenn wir es glauben, ganz sicher hinter uns, wenn wir uns nicht umdrehen und ihn der Lüge zeihen, die er uns einflüstern will.

Der Krieg in Afghanistan: wogegen eigentlich? Um Frauen richtig anzuziehen? Oder um die Drogen zu bekämpfen? Krieg im Irak, um Massenvernichtungswaffen zu finden? Oder Bündnisse mit Al Kaida zu zerstören? Heute gibt es Al Kaida im Irak. Unter Saddam Hussein gab es keine Al Kaida im Irak und keinen Islamismus. Auch wir in Deutschland schützen uns nicht vor dem Terror, indem wir Soldaten nach Afghanistan schicken. Ganz im Gegenteil. Wir ziehen sie allenfalls auf uns. Durch diese unsinnige Politik.

Und der Nahost-Krieg ist eine ständige Wunde im Gefüge des Zusammenlebens der Völker. Der Schlüssel zu seiner Lösung liegt bei den USA. Und wir müssten den Leuten im Bibelgürtel sagen, den Orthodoxen, den Religiösen: Gott gibt niemandem ein Land, das man erst einmal frei bomben muss von den Menschen, denen man das Land wegnehmen möchte, um dort selbst zu siedeln. Dies sind keine göttlichen Rechte, sondern Landraub, Mord, Verbrechen und kein Beitrag zum Frieden. Auch Palästinenser sind Menschen, und ein Recht auf sichere Grenzen in Israel ist identisch mit dem Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser in eigenen gesicherten Gebieten. Ein Zweivölkerstaat ist seit langem die Option, aber nur erreichbar bei Rückzug der Israelis von den Westbanks auf die Grenzen von vor 1967. Dies ist die Forderung der UNO. Und es ist unsere Forderung heute.

Die Folge bei alldem ist, dass wir das Argument nicht länger gelten lassen können, Entmilitarisierung sei ein schöner, aber unerreichbarer Traum von Blauäugigen und Weltfremden. Wer vor den Folgen der Gewaltlosigkeit warnt, sagte Erich Fried einmal, der bedenkt ganz offensichtlich nicht die Folgen der Folgen der permanenten Gewalt. Die aber sehen wir heute und wir wollen sie nicht länger.

Ich möchte schließen mit einem Aufruf aus dem Jahre 1947, als Wolfgang Borchert, sterbend an Lungenentzündung in einem Baseler Spital sein Vermächtnis an die Menschheit in wenigen Sätzen aufschrieb. „Pfarrer auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen und Dir sagen, Du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen. Pfarrer auf der Kanzel, dann sage nein. Und Mann an der Werkbank, wenn sie wiederkommen und Dir sagen, Du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonen und Stahlhelme ziehen, Mann an der Werkbank, sage nein! Und Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, Mutter überall auf der Welt, wenn sie wiederkommen und Dir sagen, Du sollst Kinder gebären, Männer für die Schützengräben, Frauen für die Spitäler, Mutter in der Ukraine, Mutter in Deutschland, Mutter überall auf der Welt sage: „Nicht dafür!“

Nicht länger möchte ich hören, dass wir Militärbischöfe haben wie Walter Mixa, Bischof von Augsburg, die erklären, „den Einsatz von Tornados in Afghanistan kann ich gerade noch mittragen.“ Dies ist kein Friedensengagement der Kirchen. Den Krieg kann man nicht ein bisschen ablehnen, sondern nur rundum. Und dies wäre zu erklären, ein wenig lyrischer aus dem Munde von Rose Ausländer als Wunsch zum Ostertage: Es gäbe den Sieg über den Tod wirklich. Es gäbe den Triumph des Lebens und der Liebe. Segnen möchte ich Euch, schreibt sie, aber, ich verfluche den Krieg. Segnen möchte ich Euch, die Wenigen, aber vielleicht sind es ja viele und nur wenige, die den Krieg und die Krüppel machen. Ich segne alle Länder.

Gott segne Euch. Für Euer Engagement für den Frieden. Dankeschön!

* Zur Person:
Eugen Drewermann wurde am 20. Juni 1940 in Bergkamen bei Dortmund geboren. Drewermann wuchs mit zwei älteren Geschwistern in der westfälischen Bergarbeiter-Gemeinde Bergkamen auf. Seine Mutter war katholisch, sein Vater, ein Bergarbeiter, evangelisch. Drewermann studierte von 1959-1965 Philosophie in Münster und Katholische Theologie in Paderborn. 1966 wurde er zum Priester geweiht. Er arbeitete als Studentenseelsorger und ab 1974 als Subsidiar in der Gemeinde St. Georg in Paderborn. Ab 1968 ließ er sich in Göttingen in Neopsychoanalyse ausbilden. 1978 habilitierte er sich in Katholischer Theologie und erhielt die Paderborner Lehrerlaubnis für Dogmatik. Als Privatdozent hielt er ab 1979 Vorlesungen in Religionsgeschichte und Dogmatik an der Theologischen Fakultät Paderborn. Im Oktober 1991 entzog ihm Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002) die katholische Lehrbefugnis und im Januar 1992 die Predigtbefugnis. Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. Ursache waren von der Kirchenführung abweichende Ansichten Drewermanns in Fragen der Moraltheologie und der Bibelauslegung. Drewermann ist auch im Ruhestand als Lehrbeauftragter an der Universität Paderborn, als Schriftsteller, Redner und Seelsorger tätig. An seinem 65. Geburtstag trat Drewermann aus der römisch-katholischen Kirche aus. Dies bezeichnete er als ein Geschenk an seine Freiheit.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die Mitschrift der Rede Drewermanns beim Ostermarsch in Bremen am 22. März 2008.



Vor unserer Haustür wird für den Krieg geübt!

Von Bettina Lübeling *

Liebe Freundinnen und Freunde,

Ich heiße Betty Lübeling und freue mich heute hier zu sein bei Euch am Ansbacher Ostermarsch. Ich bin seit Jahren aktiv beim Friedensforum Nürnberg.
Wir demonstrieren heute hier an Ostern für eine friedliche Welt!

Die Versuche, politische Probleme militärisch zu lösen, sind zum Scheitern verurteilt! Nirgendwo bringt Krieg eine Lösung!
Unschuldige Menschen sterben, Länder werden verwüstet, Haß und Verzweiflung wachsen. Und doch wird allerorten Krieg immer mehr zum Mittel der Politik.

Begründet wird dies als Maßnahme zur Abwehr von Terrorismus, als humanitäre Aktion, zum Aufbau von Demokratie, Sicherheit und Freiheit- und was sonst noch an großen Worten bemüht wird ...

Seit über sechs Jahren sind für die USA und ihre Verbündeten Afghanistan und der Irak die zentralen Kriegsschauplätze. Dort scheitern friedliche Entwicklungen vor allem an den Militärinterventionen der USA und der anderen NATO- Staaten.

Vor fünf Jahren begann der völkerrechtswidrige Krieg gegen Irak. Auch von deutschem Boden aus starten nach wie vor US- Kampf- und Transportflugzeuge, um ihre tödliche Fracht in den Irak zu transportieren. Die Nichtteilnahme der rot- grünen Bundesregierung am Irakkrieg war eine halbe Sache. Eine ganze Sache würde erst daraus, wenn die US- Stützpunkte in Deutschland geschlossen und den Irak- Kriegsteilnehmern keine Überflugsrechte mehr erteilt würden.

Seit über sechs Jahren herrscht Krieg, Brutalität und Terror auch in Afghanistan! Und die Bundesrepublik ist mittendrin!
Wir sagen: Truppen raus aus Afghanistan!
Wir fordern eine drastische Aufstockung der Mittel für den zivilen Aufbau! Die Menschen dort brauchen uneigennützige Hilfe und Versöhnung, um einen eigenen Weg zu finden.

Die fremden Truppen sind dabei ein Hindernis. Dieser Erkenntnis verschließt sich die Bundesregierung und schickt stattdessen eine zusätzliche Kampfeinheit nach Afghanistan. Damit versinkt die Bundesregierung noch tiefer in dem schmutzigen Krieg. Unsere Sicherheit wird am Hindukusch nicht verteidigt, sondern aufs Spiel gesetzt!

Die Gefahr eines Krieges gegen den Iran steht immer noch im Raum - das macht uns wütend, und das macht uns auch Angst. Denn was kommt dann auf uns zu? Welche dramatischen Folgen würde das haben? Es wäre auf allen Ebenen ein Wahnsinn!
Wir sagen: Hände weg vom Iran!

Es ist kein Zufall, dass die von den Industrienationen militärisch ins Visier genommenen Gebiete reiche Bodenschätze besitzen oder für deren Transport sehr wichtig sind. Hinter all diesen Kriegen stehen wirtschafts- und machtpolitische Interessen, der Zugriff auf Öl und andere Rohstoffe, die Eroberung und Absicherung geostrategischer Einflussgebiete und die Schaffung und Erhaltung von profitablen Ausbeutungsstrukturen!

Und was macht die EU und die Bundesregierung? Die Bundesregierung hat die EU- Ratspräsidentschaft benutzt, um die abgelehnte EU- Verfassung unter dem neuen Namen "Reformvertrag" durchzubringen.

Der EU- Reformvertrag, der demnächst vom Bundestag ratifiziert werden soll, ist in sicherheitspolitischer Hinsicht keinen Deut besser als der gescheiterte Verfassungsvertrag: Aufrüstungsverpflichtung, Teilnahme an Krieg in aller Welt, Einrichtung der europäischen Rüstungsagentur und Aufbau von Schlachtgruppen sind nur drei markante Pfeiler dessen, was wir Militarisierung der EU nennen.

Zudem schriebt der Reformvertrag eine radikale neoliberale Wirtschaftspolitik fest, die von Privatisierungen und einer Abbau des Sozialstaates gekennzeichnet ist.

Wir sagen: Wir wollen in Europa Frieden, ein soziales Miteinander, Gerechtigkeit, gute Nachbarschaft und Kooperation!

Wie siehts bei uns vor Ort aus?
Auch in unserer Region und hier vor Ort in Ansbach beschäftigt uns das Thema Militär. Die US-Militärbasis in Katterbach macht unsere Region noch mehr zur Drehscheibe für Kriegseinsätze! Vor unserer Haustür wird für den Krieg geübt! Mit vielen Argumenten wird für das Projekt geworben: Arbeitsplätze, Entwicklung usw. Doch keines der Argumente kann uns darüber hinwegtäuschen, dass unter keinen Gesichtspunkten, weder ökologisch, noch ökonomisch, noch sonst wie das ganze gut sein soll! Von unserem Boden geht Krieg aus!
Wir sagen: Das wollen wir nicht! Das lehnen wir entschieden ab!
Die Militärbasis darf nicht ausgebaut, sondern muß aufgelöst werden!

Acht Jahre nach der Verkündung der großartigen "Milleniumsziele" durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen stehen die Regierungen dieser Welt, vor allem die der reichen Staaten vor dem Offenbarungseid: Auf dem versprochenen Weg zur Halbierung von Hunger und Armut bis zum Jahr 2015 sind wir- bei Halbzeit- noch keinen einzigen Schritt weiter gekommen. Demgegenüber haben die weltweiten Militär- und Rüstungsausgaben mit 12,3 Billionen US- Dollar einen neuen historischen Höhepunkt erreicht. Und in mancher Beziehung deuten sich neue Rüstungswettläufe an (Bsp.: Raketenabwehr und Atomwaffentechnologie).

Es ist ein Skandal, dass in der BRD, einem der reichsten Länder der Welt, Unternehmen Rekordgewinne einfahren, andererseits immer mehr Menschen, und unter ihnen viele Kinder und Jugendliche, in Armut und unter fehlender Perspektive aufwachsen. Sozialleistungen werden überall gekürzt, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu -doch: für die militärischen Abenteuer der Mächtigen ist auch bei uns genug Geld da! (Für 2010 sind 30 Milliarden im Haushalt der BRD für Rüstung und Militär geplant).
Wir sagen: Abrüstung statt Sozialabbau!

Wir brauchen keine neuen Militärbasen, keine neuen Waffen und keine zusätzlichen Milliarden für Armeen und Kriege!

Wir brauchen die Gelder für den Kampf gegen Armut und Hunger, für Bildung, für eine nachhaltige Umweltpolitik, für viele dringend nötige Maßnahmen für Kinder, kranke und alte Menschen. Wir brauchen eine Politik, die Konfliktursachen beseitigt!

Es gehört Mut und Kraft dazu, "Nein" zu sagen - üben wir uns darin!
Üben wir uns darin, jeden Tag aufs Neue genau hinzusehen und nachzufragen, üben wir uns darin uns zu wehren und aufzustehen und laut und deutlich Stellung zu beziehen!

Laßt uns etwas anderes dagegensetzen: Unsere Friedfertigkeit, unsere Lebendigkeit, unsere Lebenslust, unsere Menschlichkeit, unser Miteinander, unsere Unermüdlichkeit, unser Unbequem- Sein!

Die Probleme der Welt lassen sich nicht mit Waffen lösen! Krieg als Mittel der Politik ist ein Verbrechen!
Verschaffen wir zu Ostern unserer Forderung nach einer friedlichen Welt Gehör- denn sie ist machbar! Es ist Zeit umzusteuern!

* Bettina Lübeling, Nürnberg, Mitarbeit im Nürnberger Friedensforum.
Rede beim Ostermarsch in Ansbach am 22. März 2008



Warum lässt die Bundesregierung ihre nukleare Teilhabe in der NATO nicht fallen?

Von Elke Koller *

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich komme aus der Eifel und wohne dort nur 3 km Luftlinie entfernt vom NATO-Luftwaffenstützpunkt des Jagdbombergeschwader 33 bei Büchel. Hier lagern immer noch mindestens 20 Atomsprengköpfe des Typs B 61, jede einzelne mit der 15-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, gewissermaßen als Relikt des Kalten Krieges.

Gewährt mir deshalb bitte einen kurzen Rückblick in die Zeit des Kalten Krieges. Denn einige ewig Gestrige behaupten ja immer noch, die gegenseitige nukleare Abschreckung habe doch den Frieden gesichert.

Dagegen möchte ich einige Zitate herausgreifen aus einer Rede von General Lee Butler dem ehemaligen Oberbefehlshaber der Nuklearstreitkräfte der USA. Er sagte am 11.März 1999:

Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass die Anhäufung des Kernwaffenarsenals ein geradezu groteskes Ausmaß angenommen hatte. Was wir in den fünfzig Jahren des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erlebten, war mehr das Ergebnis von Furcht, Ignoranz und Gier, von Egoismus und Machtstreben, von Glücksspiel und Profitsucht, wie die Folge der scheinbar so eleganten Abschreckungstheorie.
Der US-amerikanische Zielplan definierte damals 12.500 Ziele in den Staaten des Warschauer Paktes, die von 10.000 Kernwaffen angegriffen werden sollten, im schlimmsten Fall alle gleichzeitig.


Und er berichtet in seiner Rede von den zahlreichen Unfällen: Raketen, die in ihren Silos explodierten und die Kernsprengköpfe aus den Silos herausschleuderten, B-52-Bomber, die mit Tankflugzeugen zusammenstießen und die Kernwaffen entlang der spanischen Küste und ins Meer verstreuten. Ein mit Kernwaffen beladener B-52-Bomber, der in North Carolina abstürzte. Bei der anschließenden Untersuchung stellte man fest, dass eine der Sicherungsvorkehrungen beim Absturz zerstört worden war, die eine vorzeitige Kernwaffenexplosion verhindern sollte.

Es gibt dutzende Beispiele für solche Unfälle, die meisten sind gar nicht öffentlich bekannt.

Und ich beende das Zitat von Lee Butler mit seiner Feststellung:
Wir sind dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil daran.

Dazu passt, dass im Mai 2004 der ehemalige russische Oberstleutnant Petrov einen US-amerikanischen Friedenspreis erhielt - der Friedenspreis ging wohlgemerkt an einen russischen Oberstleutnant, denn er hatte womöglich einen Atomkrieg verhindert.
Am 26.September 1983 zeigte sein Monitor den Anflug zweier US-amerikanischer Flugzeuge, die mit Atomwaffen bestückt waren. Doch entgegen seiner Dienstanweisung hatte er dies nicht an seinen Vorgesetzten direkt weitergegeben - das hätte den Befehl zu einem unmittelbaren nuklearen Gegenschlag bedeutet.
Sondern er prüfte diese Information erst nach und es stellte sich heraus, dass ein Computerfehler die höchste Alarmstufe ausgelöst hatte. Die Sowjetarmee verlieh ihm allerdings keinen Orden, sondern entließ ihn anschließend.
Das alles belegt, dass Atomwaffen auch in Friedenszeiten eine unmittelbare Bedrohung für uns alle darstellen.
Waren es die Politiker, die diese Bedrohung begriffen hatten, oder war es nicht doch unsere Friedensbewegung, die immer wieder auf diese Gefahren hingewiesen hat?

Die Ostermärsche in den Achtziger-Jahren brachten viele Tausend Menschen auf die Straßen, der Ruf nach einem Ende der wahnsinnigen Aufrüstung wurde so laut, dass er von den Politikern nicht mehr überhört werden konnte. Und da die damalige Sowjetrepublik sich mittlerweile “armgerüstet” hatte, nahm sie die Annäherungsversuche des Westens gerne auf. So dass letztlich der “Eiserne Vorhang” fiel.

Doch wo stehen wir heute?
Nach einer kurzen Entspannungsphase stocken die Verhandlungen auf der Genfer Abrüstungskonferenz seit mehr als 10 Jahren und mit Raketen-Schutzschild-Projekt der USA und der Aufkündigung des ABM-Vertrages ist eine neue Runde der Aufrüstung eingeläutet. Der ehrgeizige Plan der USA sieht vor, letztlich jeden Punkt der Erde mit ihren auch atomar bestückten Sprengköpfen erreichen zu können.

Und weil es diese Pläne gibt, lassen wir uns keinen Sand in die Augen streuen, wenn die US-amerikanischen Militärs die schweren B-61-Atombomben aus der Zeit des Kalten Krieges wohl irgendwie für überflüssig halten und diese Bomben aus Ramstein mittlerweile abgezogen und in die USA zurück gebracht haben. Zuvor hat man allerdings noch eben die Lager der Europäischen NATO-Partner ein bisschen aufgestockt.

Einige dieser B-61-Bomben sind wohl nach Aviano in Italien oder nach Ircelic in die Türkei verlegt worden. Und eben auch, wie wir vermuten, nach Büchel. Und das in Büchel stationierte Jagdbombergeschwader 33 übt mit seinen Tornados immer noch den Abwurf dieser taktischen Atomwaffen im Rahmen der sogenannten “Nuklearen Teilhabe” der Bundesrepublik.

Warum, liebe Freundinnen und Freunde, lässt die Bundesregierung ihre nukleare Teilhabe in der NATO nicht fallen? Denn schließlich erreichen die Tornados aus Büchel nur befreundete Länder wie Polen oder Süditalien.

Darüber kann man nur spekulieren. Das immer wieder vorgebrachte Argument, man wolle in der nuklearen Planungsgruppe bleiben, um das Schlimmste verhindern zu können, stimmt so nicht. Denn Griechenland, das mittlerweile den Abzug dieser Bomben vollzogen hat, sitzt immer noch in dieser Planungsgruppe. Ebenso einige andere Staaten, die nie Atomwaffen besessen haben. Und letztlich haben die USA in der jüngsten Vergangenheit bewiesen, dass sie ihre militärischen Pläne notfalls auch ohne ihre NATO-Partner durchsetzen.

Ist es das Bestreben der Bundesregierung, in der ersten Liga mitzuspielen? Denn wie Ihr wisst, sind alle im Sicherheitsrat vertretenen Staaten auch offizielle Atommächte - und der Wunsch der Bundesregierung nach einem Sitz im Sicherheitsrat ist ja bekannt.

Oder möchte man auch im Europäischen Kontext nicht zu den Habenichtsen gehören? Denn in relevanten Strategiepapieren zur Außen-und Sicherheitspolitik der EU wird die “nukleare Option” implizit festgestellt, d.h. konkret, dass von einer “Europäisierung” der französischen und britischen Atomwaffen ausgegangen werden kann. Das fügt sich nahtlos in die steigende Tendenz auf europäischer Ebene Militäreinsätze als eine Option der Politik anzusehen.

Und dass über den Erstschlag mit Atomwaffen neuerdings wieder ungeniert fabuliert werden darf, spricht für sich... Doch für mich gilt - und das gilt sicher auch für Euch: Militäreinsätze sind immer und überall ein Armutszeugnis der Politik! Und die Drohung mit Atomwaffen will den Machtanspruch über andere Staaten zeigen, zeigt aber eigentlich Ohnmacht!

In dem die Bundesrepublik an der nuklearen Teilhabe festhält, setzt sie sich über zahlreiche Abkommen und Verträge hinweg und missachtet sie ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs. Dieser stellte am 8.Juli 1996 fest, dass der Einsatz von Atomwaffen aufgrund ihrer verheerenden Wirkung mit dem für bewaffnete Konflikte geltenden Völkerrecht nicht vereinbar ist.

Ihr Einsatz und die Einsatzdrohung sind daher völkerrechtswidrig. Die Nukleare Teilhabe verstößt damit auch gegen Artikel 25 des Grundgesetzes, der dem Völkerrecht gegenüber anderen Gesetzen den Vorrang gibt. Vor allem aber verstößt die Bundesrepublik mit der Duldung amerikanischer Atomwaffen auf ihrem Territorium gegen Artikel II des NVV, des sogenannten Atomwaffensperrvertrags. In diesem Artikel wird Nichtatomwaffenstaaten untersagt, Kernwaffen und sonstige Kernsprengkörper oder die Verfügungsgewalt darüber unmittelbar oder mittelbar anzunehmen.

Die damalige Bundesregierung hat diesen Vertrag 1975 zwar unterschrieben, aber immer noch an der nuklearen teilhabe festgehalten. Und jede folgende Bundesregierung argumentierte bisher so, dass die Verfügungsgewalt über die Atomwaffen immer noch beim US-amerikanischen Präsidenten liege, auch wenn ein deutscher Tornadopilot diese an ein Ziel fliegt – ist das nicht eine abenteuerliche Interpretation? Aber die Politik war um abstruse Argumente noch nie verlegen!

Glauben denn die Atommächte und ihre Steigbügelhalter wie die Bundesrepublik wirklich, dass die übrige Welt es weiter hinnehmen wird, sich durch die Androhung eines Atomkriegs unterdrücken zu lassen? Dass sie es weiter hinnehmen wird, wenn die Atommächte die Abrüstung ihrer Atomarsenale nicht vollziehen, obwohl sie sich dazu im Art. VI des Atomwaffensperrvertrags verpflichtet haben? Ist es da nicht nachvollziehbar, dass diese selbst nach diesem Instrument der Unterdrückung und der Macht greifen?

Wir wollen klüger sein und ein Ende dieses gefährlichen Spiels mit dem Feuer fordern!
Wir fordern von den Atommächten, dass sie ihre Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag erfüllen und endlich abrüsten!
Wir fordern von unserer eigenen Regierung, dass sie dem neu beginnenden Wettrüsten starke Abrüstungssignale entgegensetzt und ihren ach so hehren Worten auch einmal Taten folgen lässt!
Wir fordern von der Bundesregierung die nukleare Teilhabe in der NATO aufzukündigen und die USA aufzufordern, die menschenverachtenden Bomben aus Büchel abzutransportieren!

Das wäre endlich ein positives, wichtiges Zeichen, das in der Weltöffentlichkeit wahr genommen wird und vielleicht einen Prozess des Umdenkens anstößt. Aber das Zeitfenster dafür ist klein.

Wir müssen es nutzen, schnell und entschlossen, sonst stehen wir in der Gefahr, dass irgendwann auch die neuen von den USA entwickelten Sprengköpfe wieder in der Bundesrepublik stationiert werden.

Kommt deshalb am 30. August nach Büchel!
Protestiert mit uns am NATO-Stützpunkt gegen die dort lagernden Atombomben, gegen die dort lauernde Gefahr!
Ich freue mich, wenn ich Euch alle dort wiedersehen kann!

Dr. Elke Koller, Initiativkreis gegen Atomwaffen.

Rede beim Ostermarsch in Düsseldorf am 22. März 2008.



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